Walter Däpp - Carte Blanche

kulturtipp 05/2012 vom | aktualisiert am

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Ich trage eine Swatch. Schwarz. Schmucklos. Diskret. Klassisch. Für 50 Franken. Sie ist robust, wasserdicht, pflegeleicht. Und sie erfüllt den einzigen Zweck, den sie zu erfüllen hat: Sie zeigt mir die Zeit an. Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Zuverlässig. Genau. Für mich ist die unscheinbare schwarze Swatch ein praktisches Accessoire, das ich am Handgelenk trage. Mit jedem Blick auf die Uhrzeit betrachte ich sie, ohne sie wirklich zu beachten. Doch sie verdiente Beachtung, meine Swatch. Immer wieder. Sogar Bewunderung – als ausgeklügeltes technisches Meisterwerk, als Ausdruck des Einfachen, Schlichten und Zweckmässigen.

Paul Gerber, Uhrmacher und Uhrentüftler in Albisrieden, hat mit technischem Wissen, handwerklichem Können, kreativer Entdeckerfreude, tüftlerischem Fingerspitzengefühl und künstlerischem Flair das Gegenteil der Swatch konstruiert: Die komplizierteste Armbanduhr der Welt. Sie besteht aus 1116 Einzelteilen und basiert auf einem über hundertjährigen Taschenuhrwerk von Louis Elysée Piguet, das 491 Teile umfasste. Dieses 1892 konstruierte Basiswerk wurde hundert Jahre später vom Genfer Uhrmacher Francesco «Franck» Muller auf 651 Einzelteile erweitert. Für den späteren Besitzer dieser Uhr, einen spleenigen Zürcher Industriellen und Uhrensammler, war diese komplizierteste Armbanduhr der Welt aber noch nicht kompliziert genug. Er beauftragte Paul Gerber, sie mit weiteren winzig kleinen, feinen Spitzenkomplikationen auszustatten – auch mit einem fliegenden Tourbillon, einem «Wirbelwind», einer Vorrichtung, die dazu dient, den Einfluss der Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit der Uhr auszugleichen. Und: Die Uhr durfte nicht dicker werden, die originale Unruh musste erhalten bleiben, der Tourbillon sollte «ein fliegender Tourbillon» sein.

Gerber schuf sich also sein bisher aufwendigstes und ausgeklügeltstes (Uhr-)Werk – und reüssierte: Nach drei Jahren hatte er die Uhr um den kleinsten fliegenden Tourbillon der Welt und um 121 zusätzliche Einzelteile erweitert. Doch der Auftraggeber, der dafür etliche Millionen Franken aufwendete, wollte noch mehr – und Gerber hielt mit. In den folgenden acht Jahren erweiterte er die Uhr um 344 zusätzliche Teile, sodass sie mit ihren 1116 Einzelteilen nun also die mit Abstand komplizierteste Armbanduhr der Welt ist. «Ich weiss nicht», sagt Gerber, «ob ich heute noch den Mut und die Energie hätte, damit zu beginnen – ich habe vielleicht etwa 12 000 Arbeitsstunden dafür aufgewendet.»

Die Perfektion des mechanischen Zusammenspiels interessiert Gerber – nicht die Zeit. «Die Zeit läuft ab – mehr nicht», sagt er, «sie ist auch mir, dem Uhrmacher, vorgegeben.» Doch die Uhr sei «ein faszinierendes Objekt mit grossem kreativem Spielraum – und mit dem praktischen Nebeneffekt, dass sie die Zeit angibt». Einerseits also die Swatch, reduziert auf den «praktischen Nebeneffekt» der Zeitangabe, andererseits Gerbers Kreation – ein brillantes Schmuckstück, ein hochkompliziertes Fantasiegebilde. Schön, dass es beides gibt: Die einfach gestylte praktische Nutzuhr zum Ablesen der Uhrzeit, Gerbers Millionending, das einlädt, das verblüffend raffinierte Ineinandergreifen des winzig kleinen Räderwerks zu bestaunen und sich dabei Gedanken über den herrlich komplizierten Lauf der Zeit zu machen. Beides sind kulturelle Meisterleistungen. Und Symbole.

Symbole auch für das kulturelle Leben schlechthin. Hier die Alltagskultur, die unabdingbar ist zum Leben – der Medienkonsum zum Beispiel, die Mode, die Wohn-, Ess- oder Gesprächskultur. Dort der kulturelle Zuckerguss – der Theater- oder Konzertbesuch, der Gang ins Museum, der Gesprächsabend mit Freunden, der Dia-Vortrag im Gemeindesaal, die ersten Zeichnungen des Grosskinds, das Mitmachen im Chor oder im Lesegrüppchen. Oder der Pöstler, der ein Liedlein summt, wenn er Briefe und Zeitungen bringt. Das alles ist Kultur. Und vieles mehr. Laut Unesco umfasst der Kulturbegriff «nicht nur Kunst und Literatur, sondern auch die verschiedenen Lebensweisen, Arten des Zusammenlebens, Wertsysteme, Traditionen und religiöse Überzeugungen».

Bedauerlich ist nur, dass oft die Zeit fehlt, um neben der Alltagskultur auch den kulturellen Zuckerguss in all seinen Variationen zu geniessen. Um wieder mal ein Sinfoniekonzert ins Auge zu fassen, statt den Abend mit trägem Nichtstun ausklingen zu lassen. Um sich zu einer Podiumsdiskussion ins Schulhaus aufzuraffen oder eine Lesung in der Gemeindebibliothek zu besuchen, statt sich nach dem Abendessen gleich mit der Zeitung in der Hand aufs Ohr zu legen. Oder um sich im Theater oder Kino zu vergnügen, statt sich routinemässig mit dem TV-Programm zu begnügen.

Doch eben: Noch niemandem ist es gelungen, der Minute mehr Sekunden, der Stunde mehr Minuten, dem Tag mehr Stunden zu geben – oder die Zeit gar zurückzudrehen. Die Uhr tickt. Auf der Swatch und auf Paul Gerbers kompliziertester Armbanduhr der Welt. Jede Uhr ist zwar Kultur. Uhr-Kultur. Doch keine Uhr der Welt vermag die Zeit zurückzudrehen oder umzukehren.


Walter Däpp

Der 1946 geborene Journalist und Autor Walter Däpp lebt in Bern. Seit vielen Jahren arbeitet er vor allem für den «Bund». Auf DRS 1 ist er seit zehn Jahren mit seinen «Morgengeschichten» zu hören, die auch in Buchform erschienen sind: «We das jede wett» und «Drunger u drüber». Etliche seiner Zeitungsreportagen erhielten Auszeichnungen, mehrere sind in Buchform erschienen.

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