Unterwegs mit Franz Hohler

kulturtipp 06/2012 vom | aktualisiert am

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Frühlingsspaziergang

Während der ganzen zweiten Märzwoche hat es immer wieder geschneit, dazu verschärfte eine Bise die Kälte, und die Leute sprachen von nichts anderem als vom Wetter. «Das ist kein Wetter», sagte gestern einer seufzend zu mir.
Heute Morgen war es auf einmal milder, und als am Mittag die Sonne zwischen den Wolken durchschien, fuhr ich mit der S-Bahn zur Stadt hinaus. In Wallisellen las ich zum ersten Mal in meinem Leben das Wort Hochregallager. Wenn ich ein solches Lager bräuchte, könnte ich es hier gleich neben dem Bahnhof kaufen.

In Greifensee steige ich aus und gehe zum See hinunter. Woher nimmt der Himmel auf einmal sein zartes Blau? Die Treppe zum Schloss ist mit roten und weissen Ballonen geschmückt, das Tor ist geöffnet, ein Fest kündigt sich an. Am Seeufer steht ein Hochzeitspaar unter einem grossen Weidenbaum und nimmt für den Fotografen verschiedene Posen ein, einmal halten sich die beiden so, als ob sie tanzen würden, ein anderes Mal schauen sie sich innig in die Augen. Dahinter wartet das Schloss auf sie, das Schloss, in dessen Hof vor ein paar hundert Jahren nach ­einer Belagerung alle Bewohner von den Zürchern geköpft wurden.

Ich schlage den Uferweg ein, er ist teils schneebedeckt, teils schlammig. Schmelzwasserpfützen zwingen zu hüpfenden Ausweichschritten. Eine Fussgängerbrücke überquert ein kleines Schleusenwerk, das den Ausfluss des Sees in die Glatt verwaltet. Im Wasser haben sich Äste angesammelt, ein Blässhuhn kommt mit einem dünnen Zweig im Schnabel angeschwommen und legt ihn auf die Äste. Die Aussicht auf den See wird nun durch einen Schilfgürtel verdeckt, aber das Geschrei der Wasservögel lässt keinen Zweifel an dessen Existenz.

Als mir ein Wegweiser nach einer knappen Stunde mitteilt, bis Maur sei es nochmals eine Stunde, biege ich nach Fällanden ab, das näher liegt. Bei der Post versuche ich aus ­einer Telefonkabine meine Mutter im Altersheim anzurufen, aber sie ist offenbar nicht im Zimmer. Da der Bus nach Zürich noch nicht gleich fährt, betrete ich ein Restaurant, aus dessen oberen Stockwerken zwei grosse Schweizerfahnen hängen, rote Flammen auf weissem Grund laufen auf das Schweizerkreuz in der Mitte zu.

Ich trinke einen Espresso. Da sei doch so ein Inder vor dem SPAR gesessen kürzlich und habe auf einem Instrument mit einer einzigen Saite gekratzt, sagt einer am Nebentisch, da sei er zu ihm hingegangen und habe ihm gesagt, ob er glaube, er gebe ihm etwas, wenn er so grausig spiele. Da ziehe es einem ja die Arschbacken zusammen.

Später, im Bus, steigen zwei Asiaten ein, ­einer setzt sich neben mich. In Dübendorf lese ich auf dem Dach eines Hochhauses «GOTT SUCHT DICH». Ich erschrecke ein bisschen, wieso gerade mich, was hat er mit mir vor? Der Bus nimmt das Himmelsblau mit in die Stadt. Die beiden Asiaten reden in einer mir unverständlichen Sprache miteinander. Kurz vor der Endstation Stettbach steigt einer von ihnen aus, bei der Haltestelle «Hoffnung».


Kirchgang

Nach einem winterkalten und trüben Tagesanfang hat sich die Sonne durchgesetzt. Nachmittags um fünf Uhr gibt es in der Augustinerkirche eine Karfreitagsmette, die ich besuchen möchte.

Sollte man zur Kirche nicht zu Fuss gehen? Die Augustinerkirche ist im Stadtzentrum, ich wohne in Oerlikon. Wir sind durch die Regelmässigkeit des Tram- und Busverkehrs so verwöhnt, dass uns das Distanzgefühl innerhalb der Stadt zu entgleiten droht.

Etwas über eine Stunde wird es schon sein, denke ich, und breche um zwanzig vor vier auf. Das Aprikosenspalier am Nachbarhaus blüht verschwenderisch, eine Amsel ist zu hören, und aus jedem zweiten Garten senden Forsythien ihre gelben Lichtstrahlen aus. Die Zeichen stehen auf Frühling und auf Feiertag, schon leere Parkplätze haben etwas Besinnliches.

Einer virtuellen Diagonale entlang gehend, der ich nach dem Prinzip «eine Strasse rechts, eine links» zu folgen versuche, komme ich an Schrebergärten vorbei, in denen ausgerupft, umgestochen und eingepflanzt wird, passiere den jüdischen Friedhof Steinkluppe, der hinter dem stets geschlossenen Tor vor sich hindämmert, und dann bin ich bereits in Strassen, die ich nicht kenne.

Auf einer davon treffe ich, am Arm seiner Frau, den Stadtrat, der vorgestern nach zwanzig Jahren im Amt pensioniert wurde; ich grüsse die beiden und wünsche dem sichtlich beschwingten Paar alles Gute.

Später gehe ich durch eine kleine Strasse mit kleinen Häusern, vor denen Fahrräder und Kinderspielzeuge stehen, auf dem Trottoir haben die Anwohner zwei, drei lange Tische aufgestellt, auf denen noch die Reste eines reichen Picknicks zu sehen sind.

Der Fussweg an der Limmat, in den ich nun einbiege, führt eine Weile neben dem Autobahnzubringer her. Auf einer jener Metalltüren, die wie ein Geheimnis in eine Mauer eingelassen sind und doch meist nur Schalttafeln, Kabel oder Strassenunterhaltszubehör verbergen, steht die Sprayaufschrift «Feed the pigeons!»

Über den Neumühlequai plagt sich ein unglaublich dichter Strassenverkehr. Zwei Afrikaner mit österlich bedruckten, dick gefüllten MIGROS-Tragtaschen kreuzen mich lebhaft plaudernd, sie kommen vom Hauptbahnhof her, wo man auch an Festtagen einkaufen kann. Ein anderer sitzt rittlings auf der Quaimauer und zieht aus einer ebensolchen Tasche genussvoll ein Sandwich. Ein junges Paar schaut lachend zu den Plakaten des Sexkinos «Walche» hinüber.

Beim Schiffssteg des Landesmuseums hupt die «Regula», bevor sie ihre Fahrt zum See aufnimmt. Auf dem Limmatquai flanieren so viele Leute, dass ich meinen regelmässigen Schritt nicht einhalten kann.

Über die Gemüsebrücke gehe ich auf der Suche nach der Karfreitagstrauer in die Altstadt hinüber, erreiche die Augustinerkirche um fünf vor fünf und singe dort in der Lamentationsliturgie so rätselhafte Verse mit wie  «Nicht Opfer willst du, sonst würd ich sie bringen, Brandopfer sind vor dir nicht angenehm».
Als ich nachher an der Tramhaltestelle auf den Elfer für die Heimfahrt warte, trippeln drei Tauben erwartungsvoll um mich herum, but I don’t feed them.


Franz Hohler

Der Schriftsteller ist 1943 in Biel geboren und in ­Olten aufgewachsen. Nach abgebrochenem Studium hat er sich als Autor, Kabarettist und Liedermacher ganz der Kunst gewidmet. Er hat über 50 Bücher geschrieben. Sein Erzählband «Spaziergänge» erscheint am 2. April im Luchterhand Literaturverlag.
www.franzhohler.ch

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