Mike Nicol: «Die Mächtigen schüren die Rassenkonflikte für ihre Zwecke»

kulturtipp 02/2013 vom | aktualisiert am

von

Der Schriftsteller Mike Nicol schreibt Krimis – vor dem gewalttätigen südafrikanischen Hintergrund. In diesem Klima gehören Selbstjustiz wie Rache zum Alltag.

Kalk Bay auf der Kap-Halbinsel. Der Wind bläst von den Bergen her zum Meer, wo am Hafen ein Wal alle paar Minuten aus dem Wasser springt. Ein klarer, stürmischer Tag, das Wetter unbeständig – typisch Südafrika. Treffpunkt: Das Café einer Buchhandlung, der 61-jährige Mike Nicol kommt pünktlich, ein Schlacks in dickem Wollpulli und Fleecejacke. Die nächsten zwei Stunden spricht er über das Leben als Autor in einem von Zusammenprall der Kulturen, von Arm und Reich, Schwarz und Weiss, Tradition und Moderne erschütterten Land. Er erzählt abgeklärt, witzig und mit viel Distanz. Genau diese Qualitäten bescheinigten die Kritiker auch seiner Krimi-Trilogie «Payback», «Killer Country» und «Black ­Heart». Der zweite Band ist soeben auf Deutsch erschienen.

kulturtipp: Ich habe in Südafrika vergeblich versucht, Ihr Buch «Killer Country» zu kaufen. War­um haben es Buchhändler kaum vorrätig?
Mike Nicol: Ein Buch fliegt nach ­einem halben Jahr aus dem Sortiment, wenn es kein Bestseller ist. Von «Payback» verkauften sich seit 2008 5000 Stück, so viel wie in Deutschland im ­ersten Monat. Südafrikanische ­Unterhaltungsliteratur hat es schwer. Die Autoren beschäftigten sich bis 1994 nur mit Politik. Die Auflagen sind bescheiden geblieben. Ich habe seit 1978 ­­16 Bücher veröffentlicht und habe immer noch keinen Namen. In den traditionellen schwarzen Gesellschaften gibt es keine Lesekultur. Als der ANC 1994 an die Macht kam, hat er das Bantu-Bildungssystem übernommen, das Schwarze viel schlechter ausbildet. Für viele Südafrikaner sind Bücher ein Luxus. Die schwarze Mittelschicht liebt Autos, Kühlschränke oder teuren Whisky. Bücher kommen später.

Warum ist Rache das Hauptmotiv Ihrer Trilogie?
Rache ist ein Hauptthema in diesem Land. Kolonialismus und Apartheid haben die traditionelle schwarze Familie zerstört: Die Frauen kümmern sich meist allein um die Kinder. Auch fand bisher kein Transfer des Wohlstands statt. Es braucht nur einen Funken, damit sich die soziale Frustration in Gewalt entlädt, wie etwa vor kurzem bei dem Massaker an Bergleuten. Die Rassenfrage ist oft eine Klassenfrage. Die Mächtigen schüren die Rassenkonflikte für ihre Zwecke. Meine Geschichte handelt von einer Frau, die von zwei Männern verletzt wurde. Kompliziert wird die Sache durch die Rasse: Der eine Mann, Mace Bishop, ist weiss, der andere, Pylon Buso, schwarz, sie selbst ist eine Farbige. Sie arbeiteten alle drei in der Freiheitsbewegung für die Erschaffung einer neuen Nation. Als ich anfing zu schreiben, kam durch die Wahrheitskommission ans Licht, dass in ANC-Guerillacamps in Angola Menschen gefoltert wurden. Bis dahin hielten wir den ANC für eine Macht der Engel. Ich wollte diese Geschichte verarbeiten.

Ihre Romane verweigern sich Schwarz-Weiss-Mustern. Die Hauptfiguren, Mace Bishop und Pylon Buso, sind Bodyguards für reiche Touristen und Ex-Waffenschieber, die sich in krumme Geschäfte verstricken lassen.
Ich wollte die Konventionen des Kriminalromans unterlaufen. Meine Bücher sollen erfahrbar machen, wie Menschen grosse Verletzungen erleiden. Das gilt auch für Bishop: Er versagt oft, begeht Fehler, betrügt andere. Denn als Sicherheitsunternehmer bewegt er sich in einer Gesellschaft, in der Gier, Korruption und Heuchelei herrschen. Ich durfte ihn aber nicht zu negativ zeichnen, der Leser muss ihn am Schluss noch mögen.

Für wen steht seine Gegenspielerin, die farbige Anwältin Sheemina February?
Sie ist Repräsentantin der neuen Machtelite Kapstadts. Farbige kontrollieren die Stadtverwaltung seit 1994. Sie managt alles hervorragend – ausser ihre Rachegefühle gegenüber Mace Bishop. Sheemina hat – wie Kapstadt – eine beschädigte Vergangenheit. Ihr Name «February» identifiziert sie als Nachfahre von Sklaven. Sie heisst so, weil ihre Vorfahren einst im Februar verkauft wurden, oder der Sklavenhalter sie in diesem Monat freigelassen hatte. Kapstadt wurde von Sklaven erbaut, die Weissen haben ihre Nachkommen aus der Stadt vertrieben. Schwarze und Farbige haben aber keine andere Heimat.

Die Sprache in «Payback» und «Killer Country» ist voller Slang-Ausdrücke und rasend schnellen Dialogen.
Meine Sprache in früheren Romanen orientierte sich am magischen Realismus, die Sätze waren lang, aufgeladen. Die Sätze in «Payback» und den anderen Büchern sind kürzer, härter und cooler. Ich hoffe, die Sprache hat immer noch einen Rhythmus. Etwas anderes sind die literarischen Anspielungen. Der mittlere Teil von «Payback» orientiert sich am Rachedrama «Der weisse Teufel» (1612) von John Webster, einem elisabethanischen Autor. Der Plot entspricht dem Plot dieses Stücks. Es war nicht leicht, «Payback» überhaupt zu publizieren. Verleger schrieben mir: Das Buch ist Schund, die Lektüre Zeitverschwendung.

Sie haben Gedichte, Romane und Sachbücher veröffentlicht. Warum nun Krimis?
Krimis schreiben macht Spass. Du kannst Leute in Situationen bringen, in denen sie Sachen sagen, die du nie sagen würdest, oder in denen sie andere Menschen erschiessen. Als Journalist habe ich Zugang zu verborgenen Ecken der Gesellschaft. In den Cape Flates, dem berüchtigten Township Kapstadts, gibt es die «Unberührbaren», die stehen Mafia-ähnlichen kriminellen Organisationen vor. Sie sind clever, ihre Körper voller Tattoos, und sie haben unaussprechliche Dinge getan. Die wollen, dass du ihnen zuhörst. Ich kann ihre Geschichten aber nur in fiktionalen Texten erzählen. Sonst würden sie mich umbringen.

[Buch]
Mike Nicol
«Killer Country»
512 Seiten
(Btb 2012).
[/Buch]

[Buch]
Mike Nicol
«Payback»,
576 Seiten
(Btb 2011).
[/Buch]

0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet

Weitere Artikel zum Thema

Lesen Tipps: Charles Linsmayer, Texte & Tee, Mundgerecht

Aktuelles Heft

Klassik

Serenaden im Park
Mi, 10.7.– Mi, 7.8.
Park der Villa Schönberg Zürich
www.chambermusic.ch

Festival

21. Blue Balls Festival Luzern
Fr, 19.7.–Sa, 27.7. 
www.blueballs.ch