Giuseppe Verdi - In Verdis Heimatort ist seine Musik ver  stummt

kulturtipp 01/2013 vom | aktualisiert am

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Vor 200 Jahren wurde Giuseppe Verdi geboren. Über seiner Heimatstadt Busseto schwebt eine leise Melancholie – und es herrscht eine krisenbedingte Passivität.

Eine Region im Giuseppe-Verdi-Fieber? Wer vor Beginn des Verdi-Jahres 2013 durch seine Heimat reist, erhält den Eindruck, dass der Lambrusco-Produzent Alessandro Ceci aus dem Provinznest Torrile der grösste Verdi-Liebhaber der Emilia Roma­gna ist. Nicht weil Verdis Haupt die Etiketten seiner Flaschen schmückt. Es sind vielmehr Cecis Schwärmereien: Er singt eine Hymne auf seine nebelverhangene Region, den Käse, den Schinken, wie etwa den Culatello. Und weiss alles in seinen eigenen Weinen zu reflektieren, die in seinen Augen ein perfektes Abbild von Verdis Musik sind: Spritzig, feurig, freudig und geschmackvoll.

Tempi passati

Eine halbe Stunde Autofahrt später ist Cecis Fortissimo verklungen, wir treten ein ins Teatro Verdi in Busseto, Verdis Heimatstadt, einen Steinwurf entfernt von seinem Geburtshaus im Weiler Le Roncole. In Busseto weiss noch keiner was von einem ­Verdi-Jahr-Programm 2013. Dafür erwähnen alle gerne, dass der einstige Scala-Chef Riccardo Muti hier «Falstaff» dirigierte. 2001 – Tempi passati.

Marco Bergonzi, Sohn der ­Tenorlegende Carlo Bergonzi, kann einem leidtun. Sein Hotel Due Foscari, gleich neben dem Teatro, wäre die erste Adresse für Verdi-Pilger. Und auch hier: Im prächtigen Salon hängt noch ein riesiges Plakat der 100-Jahr-­Geburtstagsfeier von 1913. Kein Wunder, schwärmt da auch der Hotelbesitzer Marco von früher, als sein Vater auf dem Hauptplatz von Busseto Openair-Konzerte gab und das Hotel überbucht war. Aber ohne einen bis in die höchste italienische Politik agierenden Künstler wie Riccardo Muti geht im gebeutelten Italien nichts mehr. Ists ein Sinnbild, dass der Palazzo Orlandi in Busseto, wo Verdi drei seiner Opern schrieb, zum Verkauf steht?

Die Bussetaner sind nicht allein in ihrer Orientierungs- und Ideenlosigkeit, verursacht durch die Finanzkrise und die daraus resultierenden Einsparungen bei der Kultur. Selbst im stolzen Parma, der Möchtegern-Verdi-Hauptstadt, die jedes Jahr rund um Verdis Geburtstag am 10. Oktober 27 Tage lang Opern des Meisters spielt, weiss man noch nicht, was im Herbst 2013 auf dem Programm steht. 

«Alla memoria»

Fünf Kilometer ausserhalb von Busseto, in Verdis prächtiger Villa Sant’ Agata, lassen die im Haus lebenden Nachkommen des Komponisten die Zeit absichtlich stillstehen. Die metallenen Liegestühle sind auf der Veranda so gruppiert wie vor 130 Jahren. Als schwebe nicht genug Morbidezza über dem prächtigen Ort, wo Verdi 50 Jahre lang lebte, hat man sein Mailänder Sterbezimmer aus dem Hotel Gran Duca in den hintersten Raum hin versetzt – «im Original».

Wer ein Auge auf die Bücher wirft, die Handschuhe, die Taschenpartituren der Streichquartette Beethovens, Haydns und Mozarts, die Bilder – «ein Original von Guido Reni!», flüstert die Reiseführerin ehrfurchtsvoll – muss an Richard Wagners Villa Wahnfried in Bayreuth denken. Es gibt noch eine kuriose Parallele: Hier wie dort liegt ein Hund überaus prominent begraben. Russ gleich neben Wagners Grab in Bayreuth, Verdis namenloser Gefährte 10 Meter neben dem Seiteneingang der Villa: «Alla memoria di un vero amico» heisst es auf der kleinen Grabsäule.

Der Nebel, der jeden zweiten Tag über dieser topfebenen Landschaft hängt, unterstreicht die Unendlichkeit in Zeit und Raum. Der Gang durch die Ebene endete irgendwann im überaus lebendigen Café Centrale auf der Piazza Verdi Bussetos. Dort erinnern Schwarz-WeissBilder an grosse Opernzeiten, und die längst Pensionierten, die Verdi verdächtig ähnlich sind, lassen Tag für Tag ihre Nachmittage mit Kartenspielen und Diskutieren verstreichen.

Immer wieder musste Verdi diese  provinzielle Unendlichkeit verlassen, musste nach Mailand, nach Paris und Sankt Petersburg: Hier wohnten die Menschen, die seine grossen Ideen des italienischen Operndramas verstanden, schätzten und bezahlten. Und hier war es den Leuten egal, dass er nach dem Tod seiner ersten Frau lange unverheiratet mit der Sopranistin Giuseppina Strepponi zusammenlebte. Aber gespalten war auch Verdi: Auf der einen Seite wollte er mit Busseto und Parma nichts zu tun haben, setzte nie einen Fuss ins Teatro seiner Heimatstadt, andererseits war er der grösste Gönner dieses Bijou. Mit Parma hatte er bereits abgeschlossen, nachdem Marie Louise von Habsburg bei ihm keine neuen Opern bestellen wollte. Nicht einmal eine persönliche Antwort gab sie ihm auf sein Ersuchen, liess die Absage jemand anderen schreiben.

Volkskomponist

Der Brief liegt in der Casa Barezzi in Busseto – dem Haus von Verdis frühem Gönner, «Vater» und Freund Antonio Barezzi. Ein konserviertes Haus auch dieses. Der Tomaschek-Flügel, die Kopie der Totenmaske in ­einer Glasvitrine, Briefe, ver­blichene Theaterzettel – man ­erstarrt vor Ehrfurcht.

Geradezu rührend ist Verdis Geburtshaus. Die Reiseleiterin weiss, dass gewisse Besucher, Deutsche vor allem, weinen, wenn sie davorstehen. In der benachbarten Dorfkirche befindet sich der nächste Andachtsraum: Hier hat der kleine Giuseppe früh schon Orgel gespielt. Hier durfte – und darf auch heute noch – jeder ein bisschen rumkritzeln. Verdi der Volkskomponist?

Oder ein Heiliger

Zurück ins Städtchen! In der Papeterie gibt es Fotobände, jener mit Padre Pio hängt zuoberst, Johannes Paul II. darunter – gefolgt von Giuseppe Verdi. Ist Verdi gar ein Heiliger?

Eine Tenorstimme lenkt uns in die Salsamenteria Baratta auf der anderen Seite der Via Roma. Von der Decke hängen Schinken und Verdi-Parafernalien. Eine Touristenfalle? Die zahlreichen Bussetaner, die hier zu Mittag essen, beweisen das Gegenteil. Die Wände sind voll mit Bildern von Verdi, und längst verstummter Operndiven. Wir bestellen einen «Otello», den spritzigen Top-Lambrusco von Ceci, tauchen den Finger beim Trinken fachmännisch in die  Keramikschale, die sogenannte Scodella, und geniessen eine Platte mit den lokalen Salumi. Verdi liebte diese Fleischwaren. Statt Frizzante trank er – kleiner Schönheitsfehler – allerdings lieber Bordeaux dazu.

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