Film - Summender Lebenskosmos

kulturtipp 22/2012 vom | aktualisiert am

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«More Than Honey» von Markus Imhoof erkundet das Wesen der Bienen – weltweit. Der Dokumentarfilm bietet faszinierende Einblicke in das Leben einer bedrohten Spezies.

Markus Imhoof («Das Boot ist voll») war biografisch motiviert: Seit Kindheitstagen ist er vertraut mit der Welt der Bienen, war doch sein Grossvater Besitzer von stattlichen 150 Bienenvölkern. So knüpft der heute ­
71-jährige Regisseur bei seinem neusten Film an frühe Erlebnisse an. Auch eine Generation später sind die Bienen in der Familie ein Thema geblieben: Imhoofs Tochter und Schwiegersohn forschen in Australien nach besonders resistenten Bienen.

Denn die Bienen sind vom Aussterben bedroht. Die Gründe dafür bleiben weitgehend unbekannt. So heisst es im Filmkommentar: «Ich mache mich auf die Reise, um die Lösung des Rätsels zu suchen.» Der Film geht einen weiten Weg, vom beschaulichen Treiben des Imkers in den Innerschweizer Bergen bis zum industriellen Bienen-Einsatz in den USA.

Ohne Bienen gäbe es einen Drittel unserer Nahrungsmittel nicht. Die Insekten sorgen durch das Bestäuben für das Gedeihen zahlreicher Früchte. So berichtet der Film, wie in den USA eine Art Bienenindustrie blüht. Farmer John Miller etwa besitzt Tausende von Bienenstöcken mit insgesamt 15 000 Völkern. Diese werden in Kisten verpackt und im Lastwagen-Konvoi übers Land gekarrt, um gigantische Monokulturplantagen (zum Beispiel Mandelbäume) zu bestäuben. «That’s the sound of money», sagt Farmer Miller inmitten eines einzigen grossen Summens zufrieden in die Kamera.

Anders verhält es sich in China. Hier gibts in gewissen Regionen gar keine Bienen mehr – wegen der Umweltbelastung mit Giftstoffen. Im Geheimen gedrehte Aufnahmen zeigen, wie ein Heer von Wanderarbeitern Apfelblüten von Hand bestäubt. Anders wiederum das Geschäftsmodell der österreichischen Familie Singer: Sie züchtet Königinnen, um sie in 58 Länder der globalisierten Bienenwelt zu exportieren.


Aus Bienenperspektive

Beim Blick auf die «Innenwelt» von Bienenvölkern gelingen Markus Imhoof ausserordentliche Aufnahmen. Viele sind in ­einem eigens in Berlin erstellten Bienenfilmstudio entstanden: Makroaufnahmen, die tief in den Bienenkosmos eintauchen. Der Filmer zeigt beispielsweise die sensationellen Bilder einer Begattung im Flug – ohne digitale Tricks. Die Aufnahmen mit 300 Bildern pro Sekunde (statt der üblichen 24) simulieren gleitende Bewegungen, wie sie die Bienen selber wahrnehmen. In diesen bewegten Bildern lernen wir die Welt aus der Bienenperspektive kennen.

«More Than Honey» ist weit mehr als ein weiterer zoologischer Lehrfilm: Markus Imhoof erklärt zwar die komplexen Sozialstrukturen, die ein Bienenvolk ausmachen. Man erfährt, was ein Schwänzeltanz ist, man verfolgt das Schicksal der Drohnen und der Königin, die für das Über­leben eines Bienenvolkes sorgt. Imhoof weitet den Blick jedoch hinaus auf die Welt, auf die Menschen und ihren Umgang mit der Natur. Das rätselhafte Schicksal der Bienen bietet dafür ein überaus anschauliches und faszinierendes Beispiel.

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