Carte Blanche - Richard Reich

kulturtipp 03/2012 vom | aktualisiert am

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Körting stand, obwohl er tragbar war, Tag und Nacht an derselben Stelle, wie angeschraubt auf dem Küchentisch, knapp neben der Durchreiche zum Speisezimmer. So konnte man ihn in mehreren Räumen hören und bei unterschiedlichen Tätigkeiten. Beim Putzen, Kochen, Lesen, Warten, beim Mittag- und Abendessen, beim Auf- oder Abwasch. (Miele kam erst Jahre nach Körting ins Haus.)

Körtings Freundschaft mit der Frau begann beim Frühstück. Die andern Leute in diesem Haus nahmen ihre Mahlzeiten zu anderen Zeiten ein, so verbrachten die Frau und Körting viele Morgenstunden allein am Küchentisch. Die Frau ass oder trank etwas, Körting spielte. Sie betrachtete ihn liebevoll, wie er immer heiter, immer aufgedreht, zwanzig Zentimeter vor ihr stand.

Sein eckiger Körper bestand aus rauem, hartem Stoff, dunkelgrau, leicht glänzend. Der Lautsprecher wurde von einem Gewebe aus silbernen Drahtfäden abgedeckt. Es nahm zwei Drittel der Brustseite ein. Rechts, ver­tikal angeordnet wie eine Krawatte, war die Sendernavigation angebracht: Wien, Stockholm, Helsinki, Hilversum …, darunter zwei Knöpfe. Der untere kümmerte sich um die Lautstärke, der obere um die Tonhöhe; er war darum mit einem stilisierten Notenschlüssel markiert.
Die Frau konnte sich nicht erinnern, je am einen oder andern dieser zwei Knöpfe gedreht zu haben. Körting variierte seine Lautstärke je nach Programm: Nachrichten etwas lauter, Unterhaltungssendungen leicht gedämpft. Schrille Stimmen wärmte er mit zusätzlichem Bass, düstere Klänge (Celli, Kontrabässe) hellte er diskret im Hintergrund auf. Wie er das bewerkstelligte, blieb der Frau – das fiel ihr erst jetzt, Jahre später, auf – vollkommen unklar. Körting war von einfacher, eher billiger Bauart, Mono, also von schlichtem Gemüt.

Ein dritter Knopf klebte ihm wie ein Ohr an der rechten oberen Schmalseite. Dieses Rad regelte, im Verbund mit drei Drucktasten an Körtings Stirn (KW/MW/LW), die Senderwahl. Meistens war Körting, zumal er sich, wie das Haus, in dem er stand, im Mittelland befand, auf Mittelwelle eingestellt (Beromünster). Einmal allerdings hatte ein Au-pair aus dem Welschland, Monique hiess sie, heimlich am Sucher gedreht, bloss dort, wo das Mädchen Sottens, die Heimat vermutete, gab es nur Gemurmel, fernes Rauschen, schlimmer als Heimweh.

In der Antike wurden die Überbringer schlechter Nachrichten getötet, die Herolde guter Neuigkeiten verwöhnt, darum sah Körting bis ins hohe Alter prächtig aus, wie frisch aus dem Versandhaus, wo er übrigens hergekommen war. Körting hatte der Frau im Lauf der Jahre, der Monate, der Tage, der Frühstücke immer nur Gutes berichtet. Seine Nachrichten kamen ohne Tote aus, seine Sensationen ohne Schadenfreude, die Sportresultate ohne Verlierer. Seine Prognosen sagten mit Verlass gutes Wetter voraus, heiss genug zum Baden, klare Fernsicht, weisse Weihnachten, kaum Pollenflug. Seine Lieder handelten von glücklicher Liebe, seine Sinfonien von Götterfunken, seine Musik nahm jedem anbrechenden Tag seinen Schrecken.

In manchen Nächten konnte die Frau nicht schlafen. Zu heftig flutete draussen der Regen, oder dann war es ihr zu still. Zu häufig rauschten vor dem Haus späte Heimkehrer vorbei oder zu frühe Lieferanten. Abgeblendete Lichter warfen Zerrbilder an die Wand, bis es die Frau nicht mehr aushielt. Sie stand auf, ging in die Küche, nahm Körting am rechten Ohr und drehte behutsam, bis Stimmen erklangen, die es gut mit ihr meinten.

Lange Zeit dachte die Frau, Körting hiesse Hören; als Kind hatte sie vor dem Einschlafen «Ich kören es Glöggli» gesungen. Später fand sie heraus, dass kör auf Schwedisch laufen hiess und ting auf Norwegisch Ding. Und wirklich, ihr Körting war ein Ding, das lief und lief und lief …, bis eines Tages eine der dicken Batterien, die seinen Puls am Leben hielten, auslief. Quecksilber frass sich in Körtings fein verlöteten Organismus, er seufzte auf und verstummte.

Später stand auf dem Küchentisch, an selber Stelle, ein anderes Kofferradio, ein modernes Modell, Stereo, Concert Boy hiess er. Die Frau nahm das Gerät zur Kenntnis, drehte hin und wieder im Vorbeigehen daran, konnte sich aber nicht anfreunden. Concert Boy spielte falsche Töne, seine Stimmen waren kalt und erzählten Dinge, von denen sie nichts wusste, nichts wissen wollte, nicht beim Frühstück und nicht in der Nacht.

Damals hörte die Frau mit dem Radiohören auf, und seither hat sie nichts mehr vernommen. Nichts Gutes, nichts Schlechtes, weder Neuigkeiten noch Bekanntes. Sie nimmt das Wetter jetzt, wie es kommt, die Welt, wie sie ist. Nur manchmal, in nasskalten Nächten, wenn sie aufsteht, in die Küche geht, sich hinsetzt, ins Leere schaut, kommt es ihr vor, als stehe er immer noch da. Dann streckt sie die Hand aus, sucht, dreht behutsam ­einen Knopf, spürt, wie sich Körtings Körper mit Leben erfüllt, hört, kört, wie er flüstert: Ich bin bei dir, alles ist gut.

Nachsatz: Körting-Radiogeräte wurden ab 1925 in Leipzig hergestellt und später vom Versandhaus Neckermann vertrieben. 1978 ging die Firma in Konkurs.

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