Carte Blanche - Iso Camartin

kulturtipp 13/2012 vom | aktualisiert am

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Im Bündnerromanischen sagt man zu jemand, der sein Glück gefunden zu haben meint: «El crei da haver anflau sia America! – Er glaubt, sein Amerika gefunden zu haben!» Viele Bündner, aber auch Schweizer und Schweizerinnen aus anderen Kantonen, in denen Not und Armut herrschten, haben zwischen 1850 und 1950 in Nord- und in Südamerika ihr Glück gesucht, oft auch gefunden. Deshalb diese Redeweise, nach welcher die bessere Zukunft jenseits des Atlantiks im Land der unbeschränkten Möglichkeiten liegen musste. Aus einem der schönsten Volkslieder der Rätoromanen, dem «Lied von der Grille und der Ameise», wissen wir, dass auch die Heil­salbe für die Wunden des bei der Hochzeit verunglückten Bräutigams «vi sur mar – jenseits des Meeres» liegt, und so muss die Ameise sich auf den Weg über den Ozean machen, um das Heilmittel für ihren Geliebten zu finden. Alles Bessere verlegte man in jenes ferne Land, das in der Verfassung sogar das Recht auf individuelles «pursuit of happiness» einbezogen hatte, damit jeder nach der eigenen Façon der Schmied seines Glücks werde.

Was ist aus all diesen Hoffnungen geworden? Die nordamerikanische Lebensweise und Kultur scheinen ihren Glanz verloren zu haben. Eine weit verbreitete Ansicht lässt an der US-amerikanischen Lebensart keinen guten Faden mehr. Schreiende soziale Ungerechtigkeit, eine auf Konsum und Pump eingestellte Mentalität, ein politisches System, das zum Spielball des Geldes und der Medien geworden ist, eine militärische Supermacht, die auf der Welt Polizist spielt, obwohl die einheimische Gesellschaft innerlich an ihren Widersprüchen zerbricht. Die Idee des ­«Melting pots» – des Zusammenfliessens von Sprachen und Kulturen in die eine grosse Nation – erwies sich als Illusion. Wer die Programme von Radio und Fernsehen in den USA verfolgt, erschrickt ob der Allgegenwart primitivster Anpreisungen, mit welchen Menschen zu Käufern und Konsumenten gemacht werden sollen. Prediger und Heilsversprecher der dubiosen Sorte machen mit der Naivität und Leichtgläubigkeit der Menschen gute Geschäfte. Wer ein Auge für Infrastrukturen und den öffentlichen Raum hat, glaubt bald einmal, Amerika verarme immer mehr und zeige inzwischen eher Anzeichen eines Schwellenlandes als einer reichen Industrienation. Im Gesundheitssystem, in der Bildung der Gesamtbevölkerung treten Mängel und nicht hinnehmbare Zustände zutage. Was ist aus jenem Land geworden, das doch in Bezug auf individuelle Freiheit und Lebenschancen eine Vorzeigenation war?

Ich fliege beinah jeden Monat zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika hin und her, weil meine Frau dort unterrichtet. «Wie kannst du dir das nur antun?», fragen mich Bekannte oft mitleidsvoll. «Wie hältst du diese Einreiseprozeduren aus? Wie kannst du nur über Wochen Junkfood in dich hineinstopfen? Wie kannst du deine Ohren nur diesen Werbetrommeln aussetzen?» So lauten Einwände und Reaktionen. Man zeigt Spott und Verachtung für das, was viele inzwischen nur noch mit einem Grinsen im Gesicht «the leading nation» nennen.

Halt, liebe Freunde! Gemach, gemach! Verachtet mir Amerika nicht! Kein Europäer sollte je vergessen, wie Amerika das vom Krieg zerstörte und geschwächte Europa wieder aufzurichten half. Niemand sollte den trotz aller Mängel vorhandenen Lebensoptimismus unterschätzen, der den Amerikanern im Blut zu stecken scheint. Auch  nicht den unerschütterlichen Glauben an «Opportunities», der hier immer wieder aufblüht. Dieses Wort «opportunities» ist für mich eines der uramerikanischen Wörter: Gelegenheiten sehen, Möglichkeiten entdecken, Chancen ergreifen. Das ist nach wie vor die Lebensmaxime der allermeisten USA-Bewohner. Opportun heisst ursprünglich: Etwas in den Hafen lenken, einen günstigen Wind ausnützen, um ans Ziel zu gelangen, intelligent auf Gegebenheiten reagieren. Dazu braucht es praktischen Lebenssinn, Offenheit, Flexibilität, Lust am Neuen. Kein Verharren und Insistieren, sondern Aufbruch. Man verkauft das Haus, sieht sich nach einem neuen um, tritt die nächste Lebensphase an. Nur nicht hocken bleiben und am Alten kleben. Das Leben geht weiter. Auch andernorts. Der Mensch hat Beine und keine Wurzeln! Diese Bereitschaft der Amerikaner zum Neubeginn ist beeindruckend. Es ist die wichtigste Eigenschaft, um Stagnation und Lähmung zu überwinden.

Vor kurzem sass ich in einem Starbucks Coffee House in New Jersey. An den Nebentisch setzte sich eine junge Frau mit auffälligem Aussehen. Frisur, Schmuck, das lange schwarze Kleid, alles sehr ungewöhnlich! Ich glaubte zuerst, Elizabeth Taylor aus dem Cleopatra-Hollywood-Film sei von der Leinwand herunter gestiegen und ins reale Leben getreten. Da die junge Frau mich freundlich anlächelte, fragte ich: «Heissen Sie Cleopatra?» Und nun begann sie zu erzählen: Nein, sie heisse Elizabeth, tue jedoch ihr Bestes, um wie Cleopatra auszusehen. Es sei alles nur ein Spiel. Sie studiere Rechtswissenschaften – doch finde sie, es verschönere ihre Umgebung, wenn sie aus sich Cleopatra mache. Die Mitstudenten hätten es am Anfang für eine Marotte gehalten – jetzt wüssten sie, dass sie sich so stilisiere, um etwas über sich und die Welt auszusagen. Ihr Vorbild sei halt nun mal Cleopatra, sie interessiere sich für alles, was mit dieser letzten Pharaonin zusammenhänge. Ob es nicht schön wäre, wenn doch jeder sich ein Vorbild nähme und dadurch bewiese, dass man achtsam und spielerisch mit der Geschichte und mit der Zivilisation umgehen könne? «Würde dieses Kaffeehaus nicht viel schöner sein, wenn jeder etwas auf sich hielte und ein Vorbild hätte, das ihn durch und durch prägt und dem er gerecht werden möchte?»

Man mag es als eine Extravaganz abtun. Doch ich frage mich: Ist Amerika nicht doch das Land, wo wir immer noch die «Heilsalbe» gegen die Gleichgültigkeit und Schicksalsergebenheit finden können? Wo man immer noch am besten weiss, dass jeder bei sich anfangen muss, wenn er in seiner Umgebung etwas verbessern und verschönern möchte?


Iso Camartin

Der Schriftsteller und Kulturphilosoph ist in Disentis GR aufgewachsen. Seit 1985 lebt ­Camartin in Zürich, wo er zwölf Jahre lang als Professor für rätoromanische Literatur und Kultur an der ETH und an der Universität tätig war. Beim Schweizer Fern­sehen moderierte er die Sendung «Sternstunde Kunst» und leitete die Kulturabteilung. Heute arbeitet der 68-Jährige als freischaffender Autor und gestaltet u.a. die Opernwerkstatt Matineen im Opernhaus ­Zürich. Iso Camartin ist verheiratet und pendelt zwischen Zürich und New Brunswick im US-Bundesstaat New Jersey.

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