Ein Blick in die gelben Wolfsaugen – und die Sehnsucht ist geweckt. Die junge Ania (Lilith Stangenberg) lebt in einer deutschen Plattenbausiedlung. Als sie eines Tages auf dem Weg zur eintönigen IT-Arbeit am Waldrand einem Wolf begegnet, flammt ein unbegreifliches Begehren in ihr auf. Sie muss das Raubtier für sich gewinnen. Nach langer Vorbereitung gelingt es ihr, den Wolf einzufangen und in ihrer Wohnung einzusperren. Beissende Gerüche und die zerstörte Einrichtung kümmern sie nicht. Die blasse Ania nähert sich dem Tier langsam an und blüht in der unberechenbaren, erotisch geprägten Verbindung auf. Auch ihren Arbeitskollegen entgeht die Veränderung nicht, zumal Ania zusehends verwildert im Büro auftaucht und ihren Chef (Georg Friedrich) betört. Doch der Wolf bleibt unbezähmbar, das Leben mit oder in der Wildnis eine Illusion.

Regisseurin Nicolette Krebitz hat mit «Wild» einen aussergewöhnlichen und mutigen Film geschaffen: Fern jeglicher Natur-Romantisierung zeigt sie den Ausbruch einer Frau aus einer als beengend empfundenen Gesellschaft. Lilith Stangenberg, die schon im Schauspielhaus Zürich durch starke Bühnenpräsenz auffiel, demonstriert eindrücklich den Wandel vom unscheinbaren Mädchen zur vor Sinnlichkeit vibrierenden, aber auch besessenen Frau. Die 28-jährige Schauspielerin ist in den Dreharbeiten mit zwei Wölfen an ihre Grenzen gegangen. Der Film kommt ohne viele Worte aus, lässt Bilder sprechen und dazwischen unvermutet Humor aufblitzen. «Wild» hat in seiner Radikalität polarisiert: Manche Szenen befremden oder verstören, vor allem aber entfalten sie eine grosse Kraft.

DVD
Wild
Regie: Nicolette Krebitz
D 2016
93 Minuten
(EuroVideo 2016).