Wolminuscaio, baumbala bunga, aycam glastula … Worte wie diese schrieb Hugo Ball in schnellem Fluss nieder. Seine Lebenspartnerin Emmy Hennings hegte zuerst leichte Zweifel, ob sie einen Sinn ergaben. Doch dann begann sie, die Texte zu rezitieren – vergleichbar mit atonaler Musik. Noch war der Dadaismus nicht auf der Bühne angekommen, aber die beiden Avantgardisten Emmy Hennings und Hugo Ball versuchten, Neues in Worte zu fassen.

Denn sie spürten zu Beginn des Jahres 1916, dass die Zeit zur Erneuerung gekommen war. Europa war im Ersten Weltkrieg gerade dabei, sich selbst zugrunde zu richten.

Verkündung des pazifistischen Aufbruchs

An die absurden Wortkompositionen von Hennings und Ball erinnert die US-amerikanische Schriftstellerin Jill Blocker in ihrer fiktionalen Biografie «Was schön war und gut». Die Autorin deckt die Jahre 1913 bis 1916 ab, als Emmy Hennings mit Gleichgesinnten den pazifistischen Aufbruch verkündete und diesen als Gegenentwurf zum bürgerlichen Nationalismus im legendären Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf auf die Bühne brachte.

Blocker erzählt die Geschichte episodenhaft, sie versetzt sich immer in die damals möglichen Denkmuster der jungen Frau. Hennings litt unter Armut und Selbstzweifeln. Vor allem hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ohne ihre Tochter Annemarie aus Berlin in die Schweiz geflüchtet war. Sie überdeckte ihre seelischen Nöte mit dem Konsum von Morphium: «Sie sah im Spiegel die Umrisse ihres kantigen Kiefers, ihr kurzes Pagenhaar und ihre Augen, die wie zwei unendliche Löcher aussahen, die sie anstarrten.»

Emmy Hennings wuchs in Flensburg auf und schloss sich in jungen Jahren Theatergruppen an. Sie heiratete, liess sich aber bald scheiden. Ihre Tochter wuchs bei der Grossmutter auf. Hennings machte sich nach München auf, wo sie im Cabaret «Simplizissimus» ihren Lebenspartner Hugo Ball kennenlernte. Hier setzt Jill Blockers Buch ein. Die beiden schlugen sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Hennings musste wegen Diebstahls sogar ins Gefängnis.

Das nationalistische politische Klima nahm zusehends repressive Züge an, der Erste Weltkrieg verschlimmerte ihre Situation. Das Paar flüchtete nach Zürich. Die beiden bekamen als Papierlose behördliche Schikanen zu spüren – und ihre materielle Not war grösser denn je.

Dada als «Todesurteil der postulierten Moral»

Damals entstand die Idee, in einer Spelunke an der Spiegelgasse 1 ein Cabaret zu gründen. Die Liegenschaft hatte zwar Strom, aber keine Toilette. Einerlei, mitmachen konnte jeder, der eine Idee hatte. Das war der Anfang des Cabaret Voltaire. Heute prominente, aber damals unbekannte Leute sahen ihre Chance gekommen – Hans Arp und Sophie Taeuber oder Richard Huelsenbeck.

Mittendrin war stets Emmy Hennings als Sängerin, Tänzerin und vor allem als Impulsgeberin. Aber warum eigentlich Dada? Der Name entstand bei einer Art Brainstorming der Gruppe. Von Hugo Ball stammt die kryptische Herleitung des Worts: «Was wir Dada nennen, ist eine Farce des Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind … das Todesurteil der postulierten Moral und des Überflusses.»

Buch
Jill Blocker

Was schön war und gut
Aus dem Engl. von Christine K. Gubler
306 Seiten
(Münster 2023)