Als 23-Jährige ist sie für ihren Debütroman «Das Blütenstaubzimmer» berühmt geworden, konnte seither aber nicht mehr an ihren Erfolg anknüpfen. Inzwischen lebt Zoë Jenny nach einem rastlosen Leben zwischen New York und Bali wieder in der Schweiz und zeigt mit ihrem neuen Erzählband, dass sie mit wenigen Strichen Atmosphäre erzeugen kann.

Die Geschichten spielen in Valencia, Schanghai oder irgendwo – der Ort ist nebensächlich. Vielmehr steht das Innenleben der Protagonisten im Zentrum; die Verletzungen, die sie im Laufe des Lebens geprägt haben. Etwa das Mädchen Cora, das seine Schwester Lore durch Selbstmord verloren hat. Die Mutter hatte Lore monatelang mit Lichtentzug bestraft, nachdem sich diese plötzlich geweigert hatte, Violine zu spielen. Jenny entwirft in ihren Geschichten eine brutale, von Einsamkeit geprägte Welt. In der «Ballade vom Rhein» gedenkt sie dem Schweizer Autor Jürg Federspiel, mit dem sie einst durch New York streifte, und der von Parkinson gezeichnet zum Sterben nach Basel zurückgekehrt war. Jenny berichtet schonungslos von ihrer eigenen Unfähigkeit, mit Tod und Krankheit umzugehen.

«Man ist, wie man schreibt», heisst es im Buch. Das gilt auch für  Zoë Jenny selbst, deren ­Geschichten von Traurigkeit durchwoben sind. Von ihrem Verlag wird sie denn auch als ätherische Melancholikerin inszeniert. Dennoch lohnt sich die Lektüre. Nicht alle Erzählungen sind gleich gelungen, aber in vielen vermag sie die Zerbrechlichkeit von menschlichen ­Beziehungen geschickt einzufangen.

Lesung
Mi, 13.11., 20.00 Thalia Bern

Zoë Jenny
«Spätestens morgen»
124 Seiten
(Frankfurter Verlagsanstalt 2013).