Richard Gadd, ein zerbrech­licher junger Mann, spielte im tragikomischen Streaming-­Highlight «Baby Reindeer» (2024) ein Stalkingopfer. Zwei Jahre später traut man seinen Augen kaum: Aus dem mageren Zeitgenossen ist in «Half Man» ein Muskelschrank mit furchteinflössendem Backenbart geworden.

Der Titel der sechsteiligen HBO-Serie ist offensichtlich nicht auf ihn gemünzt, sondern auf Niall (Jamie Bell), seinen sogenannten «Bruder» (deren Mütter sind eine Beziehung eingegangen).

Dass diese Konstellation Probleme birgt, ist absehbar: Hier der zupackende Ruben (Richard Gadd), dort der verschüchterte Niall. Beide ­Figuren werden in den ersten Folgen von den jüngeren Darstellern Mitchell Robertson und Stuart Campbell verkörpert. Und die bauen eine gegen­seitige toxische Abhängigkeit auf, die schwer zu toppen ist.

Zunächst hilft der Starke dem Schwachen gegen gleichaltrige Mobber, im Gegenzug sorgt Niall dafür, dass Ruben die Schulprüfungen besteht. Es ist der Anfang einer Odyssee mit unerwarteten Wendungen.

So beweist Richard Gadd, dass sein autobiografischer «Baby Reindeer»-Hit keine Eintagsfliege war. Im Gegenteil: Die brüderliche Gruselbeziehung und die Stille zwischen der Action machen «Half Man» zum faszinierenden Albtraum.

Half Man
HBO Max