Der Start ist von Idealismus und Euphorie geprägt: Die bunte, linksalternative Truppe rund um den 19-jährigen Maturanden Paul besetzt 2002 ein leer stehendes Geschäftsgebäude in Zürich. Hier wollen die «Freaks diverser Gattungen», wie Paul seine Mitstreiter beschreibt, friedlich zusammenleben, eine für alle offene Bar betreiben, wilde Feste feiern und Konzerte, Kunstaktionen und Klamotten-Tauschbörsen organisieren.

Die Hippie-Utopie funktioniert anfangs prächtig, doch nach und nach zeigt sich, dass Theorie und Praxis nicht immer kompatibel sind, wie Hausbesetzer Lucas feststellt, nachdem eine Party mit dem «Verein zur Förderung des männlichen Guts» komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Manche Freaks passen offenbar doch nicht ganz in das Haus, das allen offen stehen soll …

Die 40-jährige Zürcher Autorin Christina Hug kennt die Hausbesetzer-Szene aus ihrer eigenen Jugend und beschreibt sie in ihrem Debütroman «Unser Haus» dementsprechend anschaulich und mit Lokalkolorit. Wie Wunsch und Realität manchmal arg auseinanderklaffen, erzählt sie mit viel Witz.

Der jähzornige Lehrer und die Winkelried-Buben

Mit den liebevoll gezeichneten schrägen Vögeln lässt sich mitfiebern, allen voran mit der Hauptfigur Paul, der sich zusammen mit seiner besten Freundin Lou meist bekifft durch Gymi-Trubel, Liebeskummer und Identitätssuche schlägt. Nur die Dialoge klingen nicht ganz aus dem Leben gegriffen.

Dass sich die jungen Zürcherinnen und Zürcher vor rund 20 Jahren mit antiquierten Ausdrücken wie «altes Haus», «mein Guter» oder «alter Knabe» ansprechen, ist doch eher unwahrscheinlich. Umso witziger manche Milieuund Charakterbeschreibungen: Den jähzornigen Gymi-Lehrer Metzler, dem seine schlitzohrigen Schüler täglich den Puls hochtreiben, kann man sich genauso bildlich vorstellen wie die sogenannte WinkelriedPosse – eine Hip-Hop-Gang, die Paul als «Gangsta-Clowns» und «Wu-Tang-Disney-Club» beschreibt.

Es sind aber nicht nur die vermeintlich bösen Winkelried-Buben, die das besetzte Haus nach und nach im Chaos versinken lassen, sodass Paul «sein»  Haus nach neun Monaten nicht wiedererkennt.

Buch
Christina Hug
Unser Haus
232 Seiten
(Zytglogge 2023)