«Mein Vater ist tot und ich bin, mit 64 Jahren, befreit.» Wie es zu diesem harten Urteil kommt, fächert Hansjörg Schertenleib in seinem neuen Roman auf. Sein Ich-Erzähler Viktor taucht ab in Erinnerungen, als er vom Tod seines Vaters erfährt. Durch die eingestreuten Episoden aus der Vergangenheit erschliesst sich die fast hasserfüllte Beziehung: Der Vater, ein ehemaliger Verdingbub, konnte seinem Sohn stets nur mit Häme und Härte begegnen.

Gleichzeitig erinnert sich Viktor an die Reise mit seiner Ex-Frau Charlotte nach Irland, wo sie deren Vater Max auf dem Totenbett besuchen. Max war für ihn der Vater, den er sich immer gewünscht hatte. Mit ihm hat er am Sihlsee glückliche Tage beim Fischen, Trinken, Reden und Schweigen verbracht.

«Im Schilf» trägt autobiografische Züge und hätte schiefgehen können, wenn es eine unreflektierte Abrechnung mit dem Vater wäre. Doch dem Zürcher Autor gelingt ein poetischer Roman. Im Wechsel zwischen Zeit- und Ortsebenen und mit der stürmischen irischen Landschaft als Abbild der Seele entwirft er das Bild eines Mannes, der seinen eigenen Weg geht – trotz Verletzungen in der Kindheit.

In Zwischenepisoden erfindet der Autor die Lebensgeschichte des Vaters neu, dessen Aufstieg vom Verdingkind zum Beamten. Es ist eine Annäherung an den ungeliebten Vater, oder wie der Autor schreibt: «Um ihn sowie meine Selbstvorwürfe zu zähmen, halte ich an der Idylle fest. So bleibt er für mich in jenem Reservat, das ich für ihn herbeiphantasiert habe, und ich verwandle es in ein Verlies, sein Verlies.»

Buch
Hansjörg Schertenleib Im Schilf
176 Seiten (Atlantis 2023)