ZanRé Kunst als legale Überlebenshilfe

kulturtipp 07/2011 vom | aktualisiert am

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Der Zürcher Kunstmaler und Musiker ZanRé hat sich für sein bemerkenswertes Debüt-Album
30 Jahre Zeit gelassen.

Die schlaksige Gestalt von ZanRé ist eine wohlbekannte Erscheinung in gewissen Zürcher Szenebars. Mit dem antiken Militärmantel und der Haartolle gleicht er dem legendären John Cale, der bei Velvet Underground an der Viola kratzte. Derweil rund um ihn der Wein fliesst und die Hände gestikulierend durch die Luft kurven, sitzt er in einer Ecke, nippt an der Tasse mit Tee und macht sich so seine Gedanken. Gedanken, die nun unversehens in ein bemerkenswertes Debüt-Album eingeflossen sind, das seit dreissig Jahren überfällig war.

Das Coming-Out
Die Zürcher Bewegung, die sei für ihn das «Coming-Out als Mensch» gewesen, sagt ZanRé. Er, Jahrgang 1959, wuchs in Feldmeilen auf. Seine Eltern waren aus Italien eingewandert und besorgten in einer Villa Haushalt und Garten. Einer der beiden Herren des Hauses war Kunstmaler. Der kleine Ivano genoss es, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Es sei eine eigenartige Situation gewesen: «Meine Eltern befanden sich in einem klassischen Diener-Herren-Verhältnis. Ich aber nicht. Ich konnte mich frei im Haus bewegen.» Als Teenager war für ihn die Diskrepanz zwischen dem, was er bei den Eltern sah, und der Umgebung nicht mehr zu bewältigen und er geriet auf die «schiefe Bahn».
Immerhin brachte er die Diszi­plin auf für eine Druckerlehre. Der resultierende Brotjob erlaubte es ihm, bei allerhand kurzlebigen Punk-Bands mitzutun. Eine hielt kaum eine halbe Stunde: «Zum ersten Mal im Proberaum, der Gitarrist stimmt das Instrument – schon steht die Polizei da und wirft uns hinaus.» In der Bewegung entdeckte ZanRé seine Stimme – auch als Kunstmaler: «Pop Brut» nennt er den Stil. Seit 1989 lebt er für die und von der Kunst. «Kunst ist meine einzige Möglichkeit, legal zu überleben», sagt er. «Der Berufsalltag hat mich krank gemacht – alkoholkrank.» Darum in der Bar konsequent der Tee.
25 Jahre lang hatte ZanRé nicht mehr daran gedacht, eine CD zu veröffentlichen. Da meldete sich aus dem Blauen heraus der alte Kumpel Dr. Zigi. Er habe in der Garage ein Aufnahmestudio eingerichtet und Lust auf Musik. Ohne Ziel oder Zeitdruck nahmen die beiden eine Reihe von Liedern auf, in denen es zumeist um die melancholischen Gefühle von ZanRé geht, wenn er sieht, was in der Welt um ihn herum geschieht: «Es geht darin ums Bedauern, wie ein gewisser Idealismus von damals im Materialismus versandet ist.»

Rockende Töne
Als die beiden wiedergeborenen Musiker zufrieden waren mit den Aufnahmen, reichten sie die CD im Freundeskreis herum und schrieben den ironischen Namen «IG Schall & Rauch» darauf.
Eine CD gelangte in die Hände des Techno-Produzenten Van Dyck. Diesem gefiel sie so gut,
dass er sich der Produktion annahm, um dem Album ­einen elektronischen Klangmantel umzulegen. Nur noch das bitterböse «Punkrevival» zeigt die punkigen Wurzeln. Die restlichen Lieder verbinden den leise an die 80er-Jahre gemahnenden, erzählerisch rockenden Ton der Neuen Deutschen Welle mit einem zeitgenössisch elektronischen Schimmern. Dass ZanRé den Mut zeigt, stimmliche Unsicherheiten nicht auszumerzen, sondern zu integrieren, bringt eine bluesige Authentizität. «Mit Überzeugung das zu machen, was man kann», sagt er, «kommt besser, als etwas Verrücktes zu versuchen, bei dem jeder merkt, dass es nicht zu ­einem passt.»

[CD]

IG Schall &
Rauch 10
I bis VI
(Moon Records
2010).
ZanRé:
www.zanre.ch

[/CD]

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