Wer nicht hören will, muss lesen

kulturtipp 12/2013 vom

Simon Chen über einen puristischen Radio- und TV-Konsumenten.

Richard war ein durch und durch kultivierter Zeitgenosse, ein intellektueller Kunstliebhaber, ein hochgebildeter Ästhet, ein Schöngeist, wie er im Buche steht. Kunst und Kultur waren ihm so unentbehrlich wie anderen Brot und Spiele. Er schwelgte in klassischer Musik, vertiefte sich in moderne Kunst und ging in belletristischer Literatur auf.
Das Triviale indes verachtete der Pensionär. Er verurteilte alles einfach Konsumierbare. Was die Menschen vom Tier unterschied, so Richards Ansicht, war das Schaffen oder Geniessen von wahrer Kunst und hochstehender Kultur. Entsprechend stufte er Film und Fernsehen als primitiv ein und Fussballer, Schlagersänger inklusive deren Zuschauer klassifizierte er als Affen.
Häufig lag der finanziell Unabhängige in seinem Wohnzimmer auf der Corbusier-Liege und lauschte den Berliner ­Philharmonikern oder den Arien einer Callas. Besuchte er ein Konzert, schloss er dabei die Augen, um sich nicht von optischen Eindrücken ablenken zu lassen. 
Aber vor allen Dingen las Richard. Die Wände seiner Wohnung waren bis auf die Aussparungen für Türen und Fenster von Büchern bedeckt. Literatur war seine Welt, Lesen sein Leben. Lektüre war Futter, pardon, Nahrung für seine Fantasie. In seinen Gedanken wurden die erfundenen Charaktere lebendig, vor seinem inneren Auge nahmen die beschriebenen Landschaften Gestalt an, in seinem Kopf spielten Shakespeares Figuren Welttheater. Ins Schauspielhaus ging er jedoch selten; zu inszeniert, zu interpretiert war ihm das Vorgeführte, es schwächte seine Einbildungskraft. Sich selbst ein Bild zu machen, darin bestand seiner Auffassung nach die künstlerische Aufgabe eines wahrhaftigen Kunstkonsumenten.
Das schlimmste Vergehen an der Literatur, gleich nach der Bücherverbrennung, waren für ihn aber Romanverfilmungen, in seinen Augen ein Hochverrat am Autor und vor allem am Leser. Er war der festen Überzeugung, dass Filme die Fantasie zerstörten, sie im Keim erstickten. Sie schrieben dem Zuschauer die Bilder vor, die er zu sehen hatte – 24 pro Sekunde! –, diktierten ihm eine von unendlich vielen Lesarten der Geschichte. Die einzig zulässige Literaturverfilmung war für Richard der Film, welcher im Kopf jedes einzelnen Lesers ablief, punktum!
Sein Purismus ging so weit, dass er irgendwann auch Hörbücher und Radio-Hörspiele auf seinen persönlichen Index setzte. Fortan begnügte er sich damit, die Programmzeitung zu lesen. Er ging das Sendeangebot durch, ohne sich die Sendungen anzuhören. Er studierte die Namen, Titel und Kurzbeschriebe und stellte sie sich vor seinem inneren Ohr vor. Das gelang ihm nicht auf ­Anhieb, es bedurfte einiger Übung, doch bald reichte die Lektüre der Programmeinträge, um Richards akustische Fantasie zu beflügeln.
Das «Gedicht am Morgen» etwa; Autor und Überschrift waren angekündigt. Richard ­rezitierte die Verse, wenn sie ihm bekannt waren (was häufig der Fall war), oder ersann sie sich. Titel wie «Hochseil», «Leichter als Luft» oder «Nur eine Rose als Stütze» machten ihn zum Dichter, öffneten ihm innere Welten.
Jeden Nachmittag, pünktlich zum «Klassiktelefon», stellte er sich eine persönliche Wunschliste zusammen, suchte sich die entsprechenden Aufnahmen aus seiner umfangreichen Schallplattensammlung heraus und hörte sie sich an.
«100 Sekunden Wissen» war ihm Anlass, ­einen Band seiner Brockhaus-Enzyklopädie aus dem Regal zu ziehen, ihn irgendwo aufzuschlagen, und seine bereits umfangreiche Allgemeinbildung um einen Eintrag zu ergänzen.
Jeder Vermerk in der Programmzeitschrift war ihm Verheissung, jeder Titel eines Hörspiels eine Offenbarung. Je kürzer die Information, desto freier war er in seiner Imagination. Anders als bei Büchern mit seitenweise vorgegebenen Wörtern und Sätzen, waren jetzt alle möglichen Inhalte, die unterschiedlichsten Figuren und ausgefallensten Handlungen denk- und vorstellbar.
Natürlich wusste er, dass das «Echo der Zeit» eine reine Informationssendung war, Richard aber malte sich ein Geistesbild geradezu surrealistischer Dimension aus: In einer Talsohle ein riesenhafter Wecker, dessen gewaltiges Ticken von den schroffen Felswänden hallt!
Wenn abends um Viertel vor acht das «Klangfenster» anstand, öffnete er die Balkonflügel und lauschte den vielfältigen Geräuschen, die hereindrangen – Wind, Vogelgezwitscher, Kindergeschrei oder vorbeifahrende Autos –, und liess sie in seiner Orchesterohrmuschel zu einer Klangkomposition verschmelzen. Denn Richard wusste: Alles ist Musik.
Seine neue Methode des Rundfunkkonsums vermochte sogar uralte, verhärtete Vorurteile abzubauen: Unter Zuhilfenahme eines geistigen Getränkes brachte er sich spät abends manchmal dazu, auf den Populärsender umzuschalten, pardon, umzublättern. Er las dann «Yesterday When I Was Young» und schwelgte für die Dauer der zweistündigen Oldies-Sendung in alten Erinnerungen. Auch Programmpunkte wie «Rendez-vous» und «Nachtclub» vermochten den einsamen und in die Jahre ­gekommenen Junggesellen ungemein zu erregen.
Doch damit nicht genug. Richards neu entdeckte geistige Unabhängigkeit erlaubte ihm, eine weitere tiefe Abneigung zu überwinden, und er nahm sich jetzt gelegentlich die Freiheit, sogar im Fernsehprogramm zu schmökern!
Als eines Tages ein Mann von der Gebühreneinzugsgesellschaft bei ihm klingelte, gab Richard an, er habe immer noch keinen Fernseher und sein Radiogerät habe er entsorgt, er besitze auch keinerlei elektronische Geräte. Doch, so fügte er an, sowohl Radio- wie TV-Programm seien absolut fantastisch, er nähme beides ausgiebig in Anspruch!

 

Simon Chen

Simon Chen wurde 1972 ­geboren und wuchs in ­Fribourg auf. Nach seiner Schauspielausbildung an der Hochschule für Theater Bern und Engagements in Bielefeld, Berlin und beim Aargauer Theater Marie hat er zum Poetry-Slam gewechselt. ­
Seit 2007 ist er selbständiger Spoken-Word-Autor, Schriftsteller, Moderator und Radiokünstler, etwa mit Beiträgen für das «Schreckmümpfeli» auf Radio SRF 1. 2010 erschien seine erste Solo-CD «Solange ihr lacht». Simon Chen lebt in Zürich.

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