Vom Enfant terrible zur Grande Dame

kulturtipp 17/2013 vom

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Eine Frau riskierte ihr Leben für die Kunst. Der Bildband «Zwischen Brücke und Blauem Reiter» erinnert an das Leben der Sammlerin und Mäzenin Hanna Bekker vom Rath.

Karl Schmidt-Rottluff: «Bildnis Hanna Bekker», 1952  / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Karl Schmidt-Rottluff: «Bildnis Hanna Bekker», 1952 / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Eine Frau mit Mut, viel Mut. Denn die Frankfurterin Hanna Bekker vom Rath (1893–1983) tat das, was nur wenige in den dunklen Jahren der deutschen Geschichte riskierten, wie sie in einer «Kurzen Autobiografie» schreibt: «Ich verbrachte die Kriegswinter 1942 bis Ende 1944 in Berlin, wo ich eine Atelier-Wohnung mieten konnte und Einblick erhielt in die traurige Lage, in der sich die Künstler befanden, die sich den Befehlen der damaligen Machthaber nicht beugten.» Im grossen Atelierraum in der Regensburgerstrasse «begann ich zaghaft und heimlich Ausstellungen aus dem Kreis des Expressionismus zu veranstalten, um den Kontakt der Künstler mit ihren Sammlern und der jüngeren Generation zu fördern».

Verfemte Künstler

Bekker vom Rath zeigte Werke von Künstlern wie des Russen Alexej von Jawlensky, der deutschen Avantgardistin Ida Kerkovius und der deutschen Expressionisten Willi Baumeister oder Erich Heckel. Der neue Bildband «Zwischen Brücke und Blauem Reiter» erinnert an diese ungewöhnliche Episode der deutschen Kunstgeschichte. Bekker vom Rath war indes nicht die einzige, die sich um das Schicksal der verfemten Künstler kümmerte. Legendär war auch das Engagement des Münchner Kunsthändlers Günther Franke, der während der Nazizeit Bilder von Künstlern wie Max Beckmann heimlich zu vermitteln versuchte.

Bekker vom Rath konnte ihre klandestinen Ausstellungen bis ins Frühjahr 1943 wagen. Dann kamen die Bombenangriffe der Alliierten. Zahlreiche Künstler flüchteten aus Berlin, weil sie um ihr Leben fürchteten oder ihre Unterkünfte zerstört waren.

Die subversive Kunstförderung der damals 50-jährigen Mäzenin blieb unentdeckt. Sie hatte Glück, aber sie war auch vorsichtig genug. Ihr aussergewöhnlicher Mut machte sich nach dem Krieg bezahlt: Sie profitierte von ihren Verbindungen zur Kunstwelt und konnte diese in einer neuen Galerie in Frankfurt zusammenführen. Dabei schien es ihr weniger um das Geschäft zu gehen als vielmehr um die Kunst. Sie war Zeit ihres Lebens begütert und war auf keinen Broterwerb angewiesen.

Überlebensstrategie

Die junge Hanna wuchs als Tochter einer bildungsbeflissenen Bürgersfamilie Ende des ­19. Jahrhunderts auf. Hanna vom Rath galt schon früh als ein «schöpferisches Enfant terrible». 1919 verliebte sie sich in den linken Musikkritiker Paul Bekker, der sich für die Neue Musik einsetzte: Die Liaison war ein kleiner Skandal, weil Bekker verheiratet war. Das Paar liess sich im hessischen Hofheim nieder und hatte drei Kinder. Bekker war bis 1932 Intendant des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden, dann kam die Scheidung, und er zog nach New York, wo er früh verstarb.
Entscheidend im Leben von Hanna Bekker vom Rath waren die Begegnungen mit dem russischen Künstler Alexej von Jawlensky (1864–1941) im Jahr 1929 und etwas später mit Karl Schmidt-Rotluff. In jener Zeit hatte sie bereits ihre Leidenschaft als Sammlerin entdeckt, nebenher malte sie auch selbst, allerdings ohne grossen Erfolg.
Als die Nationalsozialisten immer mehr Schaltstellen des kulturellen Lebens besetzten, wollte Bekker vom Rath zuerst auswandern: Sie zog zu Beginn der 30er mit ihren Kindern nach Griechenland. Die Devisenrestriktionen der Machthaber zwangen sie nach neun Monaten zur Rückkehr, die Kriegszeit verbrachte sie in Hofheim und in Berlin. Ihre Überlebensstrategie war: Möglichst nicht auffallen, im Verborgenen arbeiten und sich für die Kunst engagieren. Die Kinder schützte sie in Internaten von Salem am Bodensee und St. Gallen. Ihr Sohn konnte sich jedoch dem Zugriff der Wehrmacht nicht entziehen und fiel im Kaukasus.

Nach dem Krieg gehörte Bekker vom Rath zur Kunstelite Deutschlands. Im Gegensatz zu andern Oppositionellen würdigten die Behörden ihren mutigen Einsatz; sie erhielt das Bundesverdienstkreuz. Bilder aus den 50ern zeigen sie als eine Grande Dame; das Enfant terrible war nun eine Respektsperson. Sie führte in Frankfurt ab 1947 ein Kunstkabinett, das Künstlern eine neue Plattform bot. Die Mäzenin blieb dabei stets ihren Vorstellungen treu: «Mein Ziel: Überbrückung der durch das Dritte Reich entstandenen Kluft. Heranführung der Jugend an die Kunst der letzten 40 Jahre.»  

Ausstellungen

Zwischen «Brücke» und «Blauem Reiter»
Bis So, 6.10.
Museum Wiesbaden DE

Sa, 23.11.–So, 23.2.14
Zentrum Paul Klee Bern

«Zwischen ­Brücke und Blauem Reiter»

Hg.: Museum Wiesbaden
207 Seiten
(Wienand Verlag 2013).

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