Überleben in einer Welt der Gewalt

kulturtipp 02/2013 vom | aktualisiert am

von

In einer englischen Vorstadtnachbarschaft läuft einiges aus dem Ruder, bis zur tödlichen Konsequenz. In Rufus Norris’ Regiedebüt «Broken» hat sich eine Elfjährige inmitten einer Welt voller Gewalt zu bewähren.

Es ist eine beschauliche Londoner Vorstadtnachbarschaft, auf den ersten Blick. Drei Familien rücken ins Zentrum. Jede davon ist auf ihre Art nicht intakt. Bei zweien fehlen die Mütter, die Väter sind alleinerziehend. In einer dritten Familie lebt ein Ehepaar zusammen mit seinem sogenannt lernschwachen Sohn Rick.

Gegenüber wohnt Emily (Eloise Laurence), die alle nur Skunk nennen. Sie ist ein aufgestelltes Mädchen, trotz ihres Handicaps: Skunk leidet an Diabetes und muss regelmässig ihre Blutwerte messen und fein säuberlich in ein Heft notieren. Ein gefährdetes, fragiles Leben, das sie bewundernswert meistert.

Eines Tages wird Skunk Zeugin, wie der sanftmütige Rick (Robert Emms) beim Autowaschen vor dem Nachbarhaus unvermittelt von Mister Oswald (Rory Kinnear) brutal zusammengeschlagen wird. Rick soll eine seiner drei Töchter vergewaltigt haben. Dies die ebenso ungeheuerliche wie falsche Anschuldigung.

Später wird Oswalds 14-jährige Tochter Susan (Rosaly Kosky-Hensman) ihren Lehrer Mike (Cillian Murphy) einer Ungeheuerlichkeit bezichtigen, die ebenso erfunden ist. Mike wiederum ist der Noch-Freund von Kasia (Zana Marjanovic), die bei Skunk daheim als Haushälterin arbeitet. Wieder Gewalt: Vater Oswald verprügelt Lehrer Mike, der seine Kasia an Skunks Vater Archie (Tim Roth) verliert.

Ein Rückzugsort

Die Welt wird kompliziert in diesem kleinen Kosmos. Einen Rückzugsort findet Skunk, zusammen mit ihrem Bruder Jad, in einem alten Wohnwagen hinten auf dem Schrottplatz. Sie nennen ihn ihren «Schlupfwinkel». Hier kommt es für Skunk zum ersten scheuen Kuss. Und im Fall ihres Bruders zu mehr. Ein Ort der Friedlichkeit, während sie in der Schule von Sunrise (Martha Bryant), Oswalds Jüngster, drangsaliert wird.

Es ist eine Welt der Lügen und der Gewalt, mit der sich Skunk konfrontiert sieht. Im Gespräch mit ihrem gütig-sanften Vater beklagt sie sich: «Alles geht immer schief. Warum kann nicht mal etwas gut gehen?»

«Broken», kaputt, ist nicht nur Skunks Handy, auf das es die bösartige Sunrise abgesehen hat. Kaputt sind auch die Leben. Am Ende zerbrechen sie ganz handfest, wenn die Gewalt in diesem Vorstadtdrama mehrere Todesopfer fordert. Skunk überlebt, obwohl ihr Leben nach einer neuerlichen Eskalation selbst massiv gefährdet ist. Ein tröstliches Ende hält der Film insofern bereit, nach der Katastrophe: Skunk kann sich und ihre Kindheit retten.

Eine darstellerische Entdeckung ist Eloise Laurence, welche die elfjährige Skunk spielt. Sie wurde bei einem Casting aus insgesamt 850 Mädchen ausgewählt. Eloise Laurence beweist ausser ihrem schauspielerischen Talent ein weiteres: Sie singt auch die zwei Lieder selber, die Damon Albarn mit seinem Bandprojekt Electric Wave Bureau für den Soundtrack geschrieben hat

Festivalsieger

Regisseur Rufus Norris, Theaterdirektor in London, legt mit «Broken» seine erste lange Filmarbeit vor. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Clay gewann letzten September am Zurich Film Festival den internationalen Spielfilmwettbewerb.

0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet

Weitere Artikel zum Thema

Sehen Tipps: Broken Land / Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument / Get - Der Prozess der Viviane Amsalem

Sehen - Tipps: Broken City

Aktuelles Heft

Theater

Wahlverwandtschaften
Premiere: Sa, 29.9., 20.00
Schauspielhaus Zürich 
www.schauspielhaus.ch

Ausstellung

Jetzt Kunst Nr. 6
Bis So, 11.11.
Max-Frisch-Bad Zürich
www.jetztkunst.ch

 

kulturtipp fürs iPad