Sachbuch: Manipulierter Zeitbegriff

kulturtipp 06/2019 vom

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Der Historiker Christopher Clark erinnert in seinem neuen Buch «Von Zeit und Macht» an eine Episode, die dem jungen Max Frisch als Feuilletonist ­widerfuhr.

März, 1935: Der damals 24-­­­jährige Max Frisch war fasziniert von der Nazi-­Ausstellung «Das Wunder des Lebens» in Berlin. Nach seinem Besuch schrieb der Autor in der NZZ: «Und man staunt immer wieder, wie die begabten Aussteller den Weg finden, um ziemlich unvorstellbare Begriffe ins Schaubare zu übersetzen.» Der renommierte aus­tralische Historiker Christopher Clark («Die Schlafwandler») erinnert in seinem Werk «Von Zeit und Macht» an diese Episode. 

Nazi-Ausstellung läutete neue Epoche ein
Christopher Clark belegt in ­seinem Buch mit zahlreichen Beispielen, wie sich politische Ansprüche durch einen manipulierten Zeitbegriff scheinbar legitimieren lassen: So setzten die französischen Revolutionäre auf einen eigenen Kalender, der das Ende der Monarchie 1792 manifestierte. Auch die russischen Revolutionäre erkannten den Wert der Zeit: Die Avantgarde der Partei wollte «die Beschränkungen der konventionellen ‹bourgeoisen›, linearen Zeit durch die endlose ­Intensivierung der Arbeit überwinden». Sie kürzten die arbeitsfreien Tage.

Für die Nationalsozialisten brach mit der Machtergreifung keine neue Zeitrechnung, aber eine neue Epoche an. Dies wollten sie in jener Ausstellung belegen, über die Max Frisch (1911– 1991) in der NZZ berichtete. Frisch erkannte damals zwar die bedrohliche Tragweite der deutschen Machthaber noch nicht, ihr Antisemitismus war ihm jedoch zuwider.

Als Besucher stand er in der Berliner Schau etwa vor einer riesigen «Lebensglocke». [...]

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