Michael Hugentobler: Ballade eines kleinen Mannes

kulturtipp 23/2018 vom

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Der Autor über einen Berner Kochkünstler im Buckingham Palace.

Michael Hugentobler (Bild: Dominique Schütz)

Michael Hugentobler (Bild: Dominique Schütz)

Max Seybold war – gemäss offiziellen Angaben – ein untergeordneter Hilfskoch im Buckingham Palace, ein gedrungener junger Mann, der kaum je sprach und mit seinem Stoizismus im Gewusel der Küche ein eher seltsames Bild abgab. Keiner schälte mit mehr Sorgfalt die Rüben, keiner entkernte mit solcher Präzision die Tomaten, und keiner konnte den Holzlöffel derart sanft und gleichmütig während Stunden durch die flüssige Schokolade gleiten lassen, sodass sich beim Abkühlen keine weissen Flecken bildeten. 

Er besass die Gabe, auf anmutigste Weise Teeblätter zu zerbröseln und sie stets in dem flüchtigen Moment der perfekten Aromen­entfaltung aus dem heissen Wasser zu filtern, sodass die Queen ihren Earl Grey bald nur noch bei Seybold bestellte, ihm ein mütterliches Lächeln zuwarf und seufzte: 

«Das Paradies ist eine Tasse Tee!»

Als kleiner Junge hatte er die Wintermonate in den Ausläufern des Berner Jura damit zugebracht, seinen Grossvater zu beobachten, der Zahnräder für Uhrwerke geschliffen hatte, endlose Abende lang, während draussen Schnee fiel, bis die emotionale Selbstbeherrschung eines Zenmönchs in ihn eingedrungen war. Eher durch Zufall hatte er London besucht (ein reicher Cousin studierte ein ­Semester Horologie an der City University) und an einer Studentenparty eine flüchtige Bekanntschaft geschlossen – trotz der Tat­sache, dass er den Abend damit verbracht hatte, aus dem Fenster in den Regen zu schauen. Obwohl oder gerade weil er rein gar keine Ambitionen hatte, in der Stadt aller Städte zu bleiben, wurde ihm dank dieser Bekanntschaft der Job als Küchenhilfe angeboten. Ein Ire, der diese Arbeit zuvor erledigt hatte, war mehr und mehr durch einen nervösen Tick aufgefallen, seine haspelnden Hände hatten stets die Flaschen des Kochweins über Tischkanten geschubst und am Boden zerbersten lassen, wodurch die Anwesenheit dieses Iren in der Küche unhaltbar geworden war.

Es würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen, um im Detail auf die weltpolitischen Ereignisse einzugehen, die dazu führten, dass die Queen ihr Bestreben äusserte, die britische Küche international salonfähig zu machen, und ausgerechnet im Ausländer Seybold ihren Heiland zu erkennen glaubte. Und es würde zu weit führen, die verworrenen Intrigen aufzudröseln, die nach dieser Entscheidung derart heftig durch die königliche Küche schwappten, dass die gusseisernen Bratpfannen an den Wänden zu klappern schienen. Ohnehin bekam Seybold kaum etwas davon mit, allzu sehr war er damit beschäftigt, seine eigens hergestellte Gewürzmischung aus Rosenholzsplittern, Butterblumenblättern und gewürfelter und getrockneter Blutorangenrinde ins Roastbeef zu massieren. [...]

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