Literatur - Fahrt durch ein Jahr US-Geschichte

kulturtipp 14/2012 vom | aktualisiert am

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Der Roman «Die Frau im gepunkteten Kleid» der englischen Autorin Beryl Bainbridge ist nach ihrem Tod erschienen. Unfertig zwar, aber trotzdem eine vollendete Lektüre.

Im Sommer 1968 standen Teile der Vereinigten Staaten am Rand des Bürgerkriegs. Die Schwarzen wehrten sich gegen die Unterdrückung; es kam tagtäglich zu neuen Unruhen. Der charismatische Bürgerrechtler Martin Luther King wurde ermordet ebenso wie Robert Kennedy, der Bruder von John F. Kennedy, wenn auch aus andern Gründen.

Vor diesem Hintergrund spielt der letzte Roman der englischen Schriftstellerin Beryl Bainbridge. Unter dem Titel «Die Frau im gepunkteten Kleid» erzählt sie die Geschichte der jungen Engländerin Rose, die in die USA gekommen ist, um einen rätselhaften Dr. Wheeler zu suchen. Sie fährt mit dem angejahrten Versager Harold auf den Spuren Wheelers quer durch das Land, von Baltimore nach Kalifornien.


Ein ungleiches Paar

Mit Rose und Harold haben sich zwei gescheiterte Existenzen gefunden; oder eben nicht. Die junge Frau hat eine zerrüttete Kindheit hinter sich, in der sie Gewalt erlitt. Harold ist zwar finanziell wohlbetucht, aber ein reaktionärer Nichtsnutz der frustrierten Sorte mit unterschwelliger Gewaltbereitschaft in der Brust. «Das ist ein typisch dunkles und fieses Meisterwerk von Bainbridge», schreibt der «Guardian».

Beryl Bainbridge erzählt die Geschichte des ungleichen Paars in einer lakonischen Sprache. Wie mit der Kamera in einem Roadmovie fokussiert sie auf den engen Camper, in dem die beiden Hunderte von Meilen fahren.

Die 2010 mit 76 Jahren verstorbene Beryl Bainbrigde war eine der deutschsprachigen Leserschaft wenig bekannte Schriftstellerin und Schauspielerin. Zu Unrecht, denn wie wenige andere Autoren vermochte sie vergangenen Zeitgeist zu erfassen – meist beklemmend und bedrohlich. Zum Beispiel in ihrem ersten Roman «Harriet said…», der auf Deutsch nicht erschienen ist. Darin geht es um zwei Teenager-Mädchen, die sich an einen älteren Mann heranmachen – naiv und raffiniert mit fatalem Ende. Im deutschsprachigen Raum ist der Roman «Nachtlicht» auf Echo gestossen. Er handelt vom Untergang der «Titanic» als Metapher auf eine hierarchische Gesellschaft, deren soziale Schranken selbst im Tod unüberwindbar sind.

In «Die Frau im gepunkteten Kleid» sind die sozialen Unterschiede Teil der gegensätzlichen Wahrnehmungen von Rose und Harold auf der Suche nach Dr. Wheeler: Für Rose ist er eine Art entrückter Heilsbringer, weil er ihr einmal beigestanden ist, als es ihr besonders schlecht ergangen ist. Harold dagegen sieht sich gegenüber Wheeler als der Überlegene und hat eine offene Rechnung mit ihm zu begleichen. Beryl Bainbridge lässt den Leser jedoch im Ungewissen, was genau hinter den Gedanken und Äusserungen der Protagonisten steckt.

Die beiden Reisenden landen schliesslich im Ambassador Hotel in Los Angeles, wo am gleichen Tag Robert Kennedy ermordet wird. In den letzten Kapiteln ist ein Mann namens Sirhan erwähnt, der an Kennedys Mörder Sirhan Sirhan erinnert. Der Exil-Palästinenser soll Kennedy umgebracht haben, weil sich dieser als Präsidentschaftskandidat für die einseitige Aufrüstung Israels eingesetzt hatte. In der Version von Bainbridge rannte nach den Schüssen angeblich eine Frau mit gepunktetem Kleid aus dem Hotel – warum, bleibt indes ungeklärt. Die an Krebs erkrankte Beryl Bainbridge starb, bevor sie ihr Werk beenden konnte.


Beryl Bainbridge

Sie kam 1934 während der wirtschaftlichen Depression im Arbeitermilieu von Liverpool zur Welt. Beryl Bainbridge absolvierte mit der Unterstützung ihrer Eltern eine Ballettausbildung und kam mit 15 Jahren in eine professionelle Theatergruppe. In den 50er-Jahren heiratete sie den Maler Austin Davies, mit dem sie drei Kinder hatte. In jener Zeit schrieb sie ihren ersten Roman «Harriet said...», der erst 20 Jahre später erschien. Bainbridge verstarb 2010 im Alter von 76 Jahren in London.


[Buch]
Beryl Bainbridge
«Die Frau im
gepunkteten Kleid»
232 Seiten
(DVA 2012).
[/Buch]

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