Linus Reichlin - Frauenbeziehungen

kulturtipp 02/2012 vom | aktualisiert am

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Im April 2008 klingelte meine ehemalige Wohnungsnachbarin bei mir, die schöne Susanne Gröbel. Vielleicht kam sie auch nur mir schön vor, weil sie mich an eine Frau erinnerte, mit der ich kurz zuvor auf Mallorca eine Nacht verbracht hatte, sie war Kellnerin gewesen in der Sol-Sunshine-Bar an einem Strand in der Nähe der Peninsula del Llevant. Auch diese Kellnerin war keine Schönheit im eigentlichen Sinn gewesen, aber da ich das auch nicht bin, fiel es mir leicht, es ihr zu verzeihen. Ich weiss gar nicht, warum mir das jetzt in den Sinn kommt. Susanne Gröbel ist vor einem Jahr nach Kanada ausgewandert, mit unserem gemeinsamen Sohn Lukas und ihrem neuen Freund, daran denke ich ungern. Die Kellnerin von der Sol-Sunshine-Bar war genau genommen doch hübscher gewesen als die Gröbel und vor allem treuer, nehme ich mal an. «Ich mach so was sonst nicht», hatte die Kellnerin damals gesagt.

Genau dasselbe sagte im April 2008 die Gröbel, aber bei ihr stellte es sich später als Wunschdenken heraus. Als sie bei mir klingelte, kannten wir uns noch nicht, hatten uns zwei, drei Mal im Aufzug gesehen, und ich fand sie schön, weil sie mich eben an diese Kellnerin erinnerte, die so gut geduftet hatte, nach Bier und Sonnencreme, und wenn man über ihre Pobacken strich, hatte man hinterher Sand am Finger. Die Schlampe klingelte also, ich meine die Gröbel, barfuss stand sie vor meiner Tür, ihr Eyeliner war verschmiert, sie hatte ganz offensichtlich geweint.

«Sie haben nicht zufällig mein Kaninchen gesehen?», sagte sie und tupfte sich die Wangen trocken. Sie behauptete, sie habe die Wohnungstür offen stehen lassen, und das Kaninchen sei entwischt. Ich sollte wohl denken, dass sie eine aufgeklärte Kaninchen-Halterin war, die ihrem Tier Freilauf gestattete. Und eine Frau, die schon einem Kaninchen so viel persönlichen Freiraum lässt, muss doch wohl der Traum jedes freiheitsliebenden Mannes sein, so ungefähr hat die Gröbel sich das wohl vorgestellt. Zwei Stunden lang suchte ich an ihrer Seite im ganzen Treppenhaus nach dem angeblichen Kaninchen, von dem sie sagte: «Es sieht aus wie ein kleiner Hase. «Gut, dass ich das weiss», antwortete ich, «ich hätte sonst nach etwas Mausähnlichem Ausschau gehalten.» Sie verstand den Scherz nicht und hielt mich von diesem Moment an für jemanden, dem man alles dreimal in einfachen Worten erklären muss. «Nein, einer Maus sieht es gar nicht ähnlich. Sondern einem Hasen. Sie wissen doch, wie ein Hase aussieht?» Nach der erfolglosen Suche lud sie mich zu einem Pfefferminztee ein, anderen hatte sie nicht, und meine Frage, ob sie nicht ein Bier da habe, erzeugte auf ihrer Stirn Sorgenfalten: Ist er etwa Alkoholiker? Nachdem wir aus Gründen, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann, miteinander geschlafen hatten, begann unsere Beziehung, die für mich im Wesentlichen aus dem Verzicht auf Bier bestand. Heute denke ich, dass sich dadurch immerhin die Qualität meines Samens verbesserte, denn Susanne Gröbel wurde sehr schnell schwanger, über das Kaninchen verloren wir kein Wort mehr. Ich behaupte: Es hat nie existiert. Es war nur eine Ausrede von ihr, um eine Familie zu gründen. Wir zogen in eine neue, grössere Wohnung, und in die Nachbarswohnung zog der Kanadier an jenem Tag ein, als unser Sohn zum ersten Mal «Papa» sagte, welche Perfidie des Schicksals!

Der Kanadier war gross und fett und zwinkerte aufgrund einer nervösen Störung dauernd mit dem linken Auge, was die Gröbel meiner Meinung nach schlicht missverstand und für eine anzügliche Einladung hielt, der sie gerne folgte, weil der Kanadier im Gegensatz zu mir kein Wort Deutsch sprach und sie bei ihm folglich das fand, was sie «einfach so ein schönes Gefühl» nannte. Ich glaube, ich erinnere mich an all das, weil ich kürzlich irgendwo einen Hasen gesehen habe: Der starre, intelligenzlose Blick des Tiers war eine Zumutung. Vielleicht sollte ich mal wieder nach Mallorca fahren, es war so schön, als die Kellnerin zum Abschied sagte: «Den Sand darfst du behalten.»


Linus Reichlin
Der 1957 in Aarau geborene Reichlin schrieb ­zunächst Kolumnen und Reportagen, für die er mehrere Preise, darunter den Zürcher Journalistenpreis, erhielt. Heute lebt und arbeitet er als ­freier Schriftsteller. 2011 ­erschien sein dritter ­Roman «Er».

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