Kunst - Das Atelier als Inspirationsquelle

kulturtipp 26/2012 vom | aktualisiert am

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Eine neue Ausstellung erinnert an den Beginn des Davoser Kirchner Museums vor 30 Jahren. Und ein grossartiger Bildband dokumentiert Kirchners Arbeitsplätze in Davos, Dresden und Berlin.

Der erste Winter ist garstig. Der deutsche Künstler Ernst Ludwig Kirchner erhält 1917, mitten im Krieg, eine Ausreisegenehmigung in die Schweiz. Er erreicht Davos Mitte Januar, um seine angeschlagene Gesundheit zu kurieren. Bei der Ankunft ist es ungewöhnlich kalt, Kirchner bleibt die ersten zehn Tage im Bett – und reist wieder nach Berlin. Erst im Frühjahr kehrt er zurück. Aber auch diese Ankunft ist unerfreulich: Der Anblick von Hunderten internierter deutscher Soldaten missfällt ihm.


Bescheidenes Leben

Kirchner zieht in eine Alphütte auf fast 2000 Metern Höhe in DavosFrauenkirch. Erst ein Jahr später findet er dort eine definitive Bleibe, wo er sich mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling zurückzieht – in das aus dem 17. Jahrhundert stammende Bauernhaus «In den Lärchen». «Es ist die Stätte, wo bis Herbst 1923 eine ganze Reihe grossartiger Gemälde, Zeichnungen, Grafikblätter und der grösste Teil seines skulpturalen Werks entstehen», schreibt der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld im neuen Band «Mythos Atelier». Die Verhältnisse «In den Lärchen» sind sehr bescheiden: Fliessendes Wasser gibt es nur im Keller, die Latrine ist angebaut: In deren Erde werden bei der Renovierung des Hauses 1982 all die kleinen Gläser gebrauchter Morphiumampullen gefunden, die Kirchner von 1918 bis zu seinem Entzug im Frühjahr 1921 vergraben hatte.


Ideale Arbeitsstätte

Die Kirchners leben und arbeiten in allen Räumlichkeiten des Hauses. Es ist ihnen wohl dort. Und der Künstler beschliesst 1919, definitiv in der Schweiz zu bleiben, zumal die politischen Verhältnisse in Deutschland nach dem Zusammenbruch prekär sind. Aber vier Jahre später muss Kirchner ausziehen, weil die vermietende Familie das Haus selber beansprucht.

Kirchner findet schliesslich auf dem «Wildboden» im benachbarten Clavadel eine neue, etwas kleinere Unterkunft. Er richtet sich mit seiner Frau  häuslich ein – mit einem Atelier neben seinem Schlafraum im Obergeschoss. In diesen Räumlichkeiten entsteht sein Gemälde «Bergatelier» (siehe Bild links) kurz vor seinem Freitod Ende der 30er. Schon 15 Jahre früher berichtet er von seiner empfindlichen Gefühlslage in Davos: «Es geht uns nicht schlecht, und wenn die Unruhe und das Elend der Zeit nicht wären, so könnte man sogar zufrieden sein. In stiller Abgeschiedenheit zu arbeiten ist für mich das Ideale.» Er habe «in ­diesen Wochen mehr geschafft als früher in den Grossstädten Deutschlands».


Tapetenwechsel

Im Bildband «Mythos Atelier» kommt auch diese frühere Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zur Sprache. Kirchner führte etliche Ateliers in Dresden und später in Berlin. So fand er einen Arbeitsraum in einem ehemaligen Fleischladen in einem Proletarierviertel Dresdens. Er diente ursprünglich allen Künstlern der expressionistischen Bewegung «Brücke» als Lager und Atelier, schliesslich wählte Kirchner dieses «Ladenatelier» gleich als Wohnort.

Wie später in Davos, erschien es ihm schon 1906 wichtig, an einem Ort zu wohnen und zu arbeiten. Lange hielt es ihn dort jedoch nicht: Bald zog er in die benachbarte Wohnung, in eine «Wohnhöhle», wie die Kunstexpertin Hanna Strzoda schreibt. Sie zählte insgesamt sechs Ateliers in Dresden und Berlin, in denen Kirchner vor Davos wirtschaftete. Fast immer verhalf ihm ein Tapetenwechsel zu ­neuer Inspiration: «In einem fiebrigen Schaffensrausch widmete sich Kirchner nach dem Umzug der Ausgestaltung der Räume», heisst es etwa über seine zweite Dresdner Bleibe. Für Kirchner war damit ein Atelier mehr als ein Arbeitsort – eine Ins­pirationsquelle, die ihn zu neuen Taten trieb.


«Mythos Atelier»

Der Bildband «Mythos Atelier»  dokumentiert die Wirkungsstätten von Künstlern. 13 Aufsätze belegen, dass das Atelier meist mehr als nur ein Arbeitsplatz ist. Es hatte bereits in der Renaissance einen repräsentativen Charakter. Zahlreichen Künstlern diente es als eine Installation, um ihren gesellschaftlichen und intellektuellen Anspruch zu legitimieren, wie die Herausgeberin Ina Conzen schreibt. Der Band zeigt auch, wie weit der Begriff gefasst ist: Etwa als eine Bühne bei der Performance bis hin zum «Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung» von Joseph Beuys an der Dokumenta 5 in Kassel 1972. Dort konnten die Besucher an 100 Tagen mit Beuys diskutieren – ohne eine greifbare künstlerische Arbeit zu sehen. Denn Beuys befand: «Redestehen ist eine Kunstform.»


[Buch]
«Mythos Atelier –
Von Spitzweg bis Picasso –
von Giacometti bis Naumann»
279 Seiten
(Hirmer Verlag 2012).
[/Buch]

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