Kinder im Kunstmuseum «Ich male auch gerne mit Kreide»

kulturtipp 03/2011 vom | aktualisiert am

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Immer mehr Museen bieten Kunstvermittlung. Ein Besuch im Aargauer Kunsthaus, wo Kinder sogar einen eigenen Kunstpreis verleihen.

Das luftighelle Glasfoyer des Aargauer Kunsthauses ist gut gefüllt. Die Anwesenden stehen in kleinen Gruppen beisammen, diskutieren angeregt. Über die aktuelle Ausstellung, über Kunst im Allgemeinen und deren Einfluss auf den Alltag. Die Stimmung ist fröhlich. Am Buffet freilich wird kein Sekt gereicht, sondern Sirup, und statt Millesfeuilles locken Mandarinen und Mohrenköpfe.
Der Junior-Kunstverein ist zum Besuch der Ausstellung «Auswahl 10» geladen, der jurierten Jahresschau im Aargauer Kunsthaus. «Ein wichtiger Begegnungstag», erklärt Franziska Dürr. «Kinder kommen mit ihren Familien und treffen auf Künstlerinnen und Künstler.» Dürr hat die Kunstvermittlung in Aarau vor 15 Jahren aufgebaut und weiss, wie diese funktioniert. «Wenn die Kinder mal im Mu­seum sind, gehen sie selbständig auf Entdeckungsreise.» Allzu lange hätten Museen aber als hehre Orte mit hohen Schwellen gegolten, klagt sie. «Dabei sind es öffentliche Häuser, die rege besucht werden sollen, auch von jungen Gästen.»
In Aarau ist dies längst der Fall. An diesem Samstag werden die Kinder von der Museumsdirektorin persönlich begrüsst. Madeleine Schuppli freut sich über deren nachmittäglichen Besuch – draussen scheint die Sonne! – und darüber, dass der Junior-Kunstverein ein Jahr nach seiner Gründung schon 285 Mitglieder zählt. Als Untergruppe des Kunstvereins soll er den Nachwuchs sichern, sagt Schuppli. Franziska Dürr ergänzt: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Kinder sind wissbegierig. Wir sollten ihnen auch in der Begegnung mit Kunst nur das Beste bieten.»

Expertengespräche
In den hellen Museumsräumen entdecken die Kids und Teens bunte Bilder und imposante Ins­tallationen, filigrane Zeichnungen und amorphe Objekte. Manche stürmen alleine von Raum zu Raum, andere schlendern in Kleingruppen und schauen sich die Werke eingehend an. «Ui, so lustig», lacht Primarschüler Yanick, der mit Sophie und Muriel unterwegs ist. «Was könnte das wohl sein?», fragt Sophie. «Glaub ein Tier oder so», doziert Yanick cool.
Die etwa zehnjährige Nathalie fragt Ruth Maria Obrist, was ­deren seltsame Wandobjekte ­bedeuten. «Das sind Würfel», ­erklärt diese, «die ich aus Folie geleimt habe.» Nathalie schaut skeptisch: «Geleimt?» «Ja», versichert Obrist, «versuchs doch auch mal.» Sira steht vor einer Kreidezeichnung und verrät der Künstlerin: «Ich selbst male auch am liebsten mit Kreide.» Und die beiden Teenager Chiara und Nora fachsimpeln mit Sabine Trüb über die Machart von deren nüchtern anmutendem Holzsteg. Nebst Material und Verarbeitung interessiert die beiden auch, worin der Sinn der Installation liege. Sabine Trüb lacht. «Die Fragen sind oft überraschend, aber auch interessant. In jedem Fall bereichernd.»
Darüber freut sich Franziska Dürr. Und die renommierte Fachfrau bestätigt die Beobachtung, dass Kinder den Kunstschaffenden auf gleicher Ebene begegnen. «Kinder befassen sich intensiv mit Fragen der Ästhetik und Wahrnehmung», sagt sie. «Zudem scheuen sie sich nicht davor, direkt und unverblümt zu fragen.» Deshalb wird der Junior-Kunstverein auch an Vernissagen und zu Atelierbesuchen geladen.

Pioniertat
Nicht nur Ruth Maria Obrist und Sabine Trüb werden von Kids und Teenagern belagert. Auch vor dem titellosen Fadengewirk (s. Bild rechts) von Agatha Zobrist und Theres Waeckerlin hat sich eine Traube gebildet. Die beiden Frauen erhalten wenig später den Junior-Kunstpreis 2011 – aus Kinderhand!
Die Aargauer Kunst-Kinder sind nicht alleine. Franziska Dürr und ihr Team arbeiten längst auch mit Erwachsenen, Senioren, Firmen. «Wir wollen unterschiedlichste Menschen auf ihren ersten Schritten hin zur Kunst begleiten», sagt Dürr. Das Projekt wurde vor 15 Jahren vom Aargauer Kuratorium initiiert. Dies war eine Pioniertat, mittlerweile gibt es in der Schweiz kaum mehr ein Museum ohne Vermittlungsangebote.

Mit und ohne Lockvogel
Bedeutet diese Erfolgsgeschichte, dass Kunstvermittlung dereinst überflüssig wird? Dürr winkt ab: «Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit heute nicht selbstverständlich im Museum. Um sie dahin zu locken, müssen wir attraktive Anlässe gestalten. Deshalb haben wir 400 Mohrenköpfe aufs Buffet gestellt.»
Die goldverpackten Delikatessen sind tatsächlich begehrt. Doch dass manche Kinder auch ohne Lockvogel wieder ins
Museum kommen, beweist eine Liste, auf der sie ihre Wunschpartner für die beliebte Aktion «Kunst anschauen mit …» eintragen können. Sehnlichst
erwartet werden der Kasperli, ein Zauberer sowie Spongebob.

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