Peter K. Wehrli: «Ich will die ganze Welt anmalen!»

kulturtipp 02/2018 vom | aktualisiert am

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Der Schriftsteller Peter K. Wehrli über das kontrastreiche Jahr 1968.

Der Schriftsteller Peter K. Wehrli (Bild: NZZ / KARIN HOFER)

Der Schriftsteller Peter K. Wehrli (Bild: NZZ / KARIN HOFER)

Nein, eine geschlossene Bewegung mit strikt überzeugten Anhängern war es 1968 nicht, da können ­Sozialtheoretiker oder ­Historiker in ihren Untersuchungen die lautstarken Aktionen der jugendlichen ­Rebellen unbeirrt weiter so deuten.

Eine starke Erfahrung hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt, eine, welche die Verhältnismässigkeit zurechtrückte, in der sich das Protestungestüm der Jungen abspielte: Da fidelte doch tatsächlich die legendäre Band Minstrels auf dem Hirschenplatz im Zürcher Niederdorf ihren heiteren Ohrwurm «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!», während vom Limmatquai her militantere Klänge durch die Gassen dröhnten: «Völker, hört die Signale!». Da erschien der internationale Kampfruf wie ein Echo auf die spiessbürgerliche Idylle, die derart rigoros zelebriert wurde, dass sie die Aufsässigkeit eines Protestsongs annahm. Das Eine und das Andere: Die Epoche von 1968 wurde tatsächlich nicht allein von den militanten Jubelrufen auf Marx und Lenin, Ho Chi Minh und Mao Tse-tung geprägt, sondern ebenso vom stilleren «Lucy in the Sky with Diamonds» der Hippies, die gleichzeitig ihre Kampagne für eine friedlichere Welt vortrugen: «Make Love not War!». Da entwickelte sich der Zeitgeist auf zwei parallelen Strängen. Und wer erkannte, wie der eine den andern zu korrigieren versuchte, zu relativieren, zu ergänzen, der hatte das Wesen von 1968 verbindlicher erfasst als jener, der die Gegensätze schärfte und verkrampft das angeblich Richtige vom vermeintlich Falschen abtrennte. Und schrien die einen Slogans vom Klassenkampf, von Entfremdung und Agitation, da zitierten die andern Zeilen aus den Gedichten des Idols Allen Ginsberg und predigten Sensibilisierung aller Sinne. [...]

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