Fiktionale Biographie: Eine Spur zu gescheit

kulturtipp 19/2017 vom

von

William «Billy» James ­Sidis verblüffte im frühen 20. Jahrhundert seine Zeitgenossen mit seinem messerscharfen Intellekt. Eine fiktionale Biografie ergründet sein Schicksal.

Der ukrainisch-stämmige Wil­liam James Sidis war ein Wunderknabe. Er konnte bereits mit zwei Jahren lesen und schreiben; als Erwachsener beherrschte er angeblich 40 Sprachen, chinesisches Mandarin inklusive. Einseitig begabt war das Bürschchen nicht, denn auch die Mathematik fiel ihm so leicht wie kaum ­einem andern. In den ersten Schuljahren vernachlässigte er sie zwar, machte sich dann aber mit mörderischem Ehrgeiz im Selbststudium dahinter: «Der Umgang mit algebraischen Gleichungen lernte er allein in seinem Zimmer mit Hilfe eines Lehrbuchs», schreibt der Autor des Buchs «Das Genie», der deutsche Publizist Claus Cäsar Zehrer.

Mit elf Jahren besuchte Sidis die Harvard-Universität und hielt schon bald selbst Vorlesungen. Dumm nur, dass ihm jede Form der Sozialkompetenz abging, die Studenten machten sich über den Sonderling lustig und quälten ihn bis aufs Blut.  

Billy Sidis war ein rigoroser Moralist, der den Militärdienst verweigerte und sich hartnäckig sträubte, für die US-Waffenindustrie tätig zu sein. Krieg hatte in seiner Weltsicht keinen Platz. Ebenso wenig Sex, den er für schädlich hielt. Es ist die wunderliche Geschichte eines sozialen Rüppels, der an sich selbst scheiterte. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war das Schicksal von Billy Sidis weit­herum bekannt, die Zeitungen stürzten sich mit Eifer auf den schrägen Zeitgenossen. Pech war, dass er die Publizität hasste; er hielt Presseleute für noch dümmer als Ungebildete. Und für diese brachte er wenig Verständnis auf, denn jeder konnte sich ja Wissen so einfach aneignen wie er selbst – glaubte das Genie jedenfalls. 

Buch
Klaus Cäsar Zehrer
«Das Genie» 
651 Seiten 
(Diogenes 
2017).

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