Faszinierende Kunstwerke aus längst vergangener Zeit

kulturtipp 01/2012 vom | aktualisiert am

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Der deutsche Regisseur Werner Herzog vermittelt dem Publikum in seinem neuen Dokumentarfilm die dreidimensionalen Aufnahmen prähistorischer Höhlenmalereien – so ähnlich müssen unsere Vorfahren sie gesehen haben.

1994 ereignete sich Wunderbares im Südosten von Frankreich, im Flusstal der Ardèche: Drei Amateur-Forscher fanden eine unbekannte Höhle mit prähistorischen Malereien. Benannt wurde sie nach einem der Ent­decker, dem Hobby-Archäologen Jean-Marie Chauvet. Das Innere der Höhle ist als perfekte Zeitkapsel unberührt geblieben, weil ein Felssturz vor 20 000 Jahren den Eingang verschüttete. Der deutsche Filmer Werner Herzog hat darüber seine Dokumentation gedreht mit dem Titel «Die Höhle der vergessenen Träume». 


Künstlerischer Schatz

Die Chauvet-Höhle birgt einen künstlerischen Schatz von mehr als 400 Wandbildern. Die frühzeitlichen Zeugnisse zeigen ausschliesslich Tiere: Pferde, Mammuts, Höhlenbären, Panther, Löwen, Rinder, Hyänen, Wollnashörner, Auerochsen und Uhus. Grandiose Kunst, die Menschen vor mehr als 30 000 Jahren geschaffen hatten. Altersanalysen brachten an den Tag, dass an einzelnen Bildern zum Teil immer wieder weitergemalt wurde – mit einem Zeitabstand von bis zu 5000 Jahren.

Wissenschaftler glauben, dass die Chauvet-Höhle kultischen Charakter hatte. Menschen hielten sich – so die Meinung der Forscher – nur kurz Zeit darin auf. Der Ort war nur für rituelle Handlungen bestimmt.


Exklusives Filmen

Öffentlich zugänglich ist die Chauvet-Höhle nicht, um die Kunstwerke zu schonen. Denn der Höhle soll nicht das Schicksal der berühmten Lascaux-Höhlen widerfahren, wo die ­Immissionen der Besucher die Wandbilder nachhaltig schädigten. Doch Werner Herzog durfte als Filmer in die für die Wissenschaft reservierte Wunderwelt eintauchen – dank eines arbeitsrechtlichen Tricks. Er liess sich vom französischen Kulturministerium für den symbolischen Lohn von einem Euro anstellen, um seine Filmarbeiten zu realisieren.

Die Vorgaben waren restriktiv: Herzog konnte lediglich während vier Tagen mit Kaltlicht drehen. Sein Viererteam hatte sich ausschliesslich auf ausgelegten Metall-Laufstegen zu bewegen. Trotz der Einschränkungen schaffte er es, mit einer Spezialkamera dreidimensional (3D) zu filmen: So wird der Höhlenraum mit seinen Ausbuchtungen und Texturen im Kino möglichst realitätsnah erfahrbar. Das Publikum sieht, wie sich die reliefartigen Malereien den jeweiligen Wandstrukturen anpassen. Einzelne Tierdarstellungen sind wie in Trickfilmen in Phasen gemalt: Zum Beispiel ein Bison mit acht Beinen, sodass eine Dynamik die statische Form erfasst.

Aber Herzogs Film beschränkt sich nicht auf die künstlerischen Darstellungen. Das Publikum begegnet auch einem Forscher, der enthusiastisch prähistorisches Speerwerfen demonstriert. Ein anderer Experte erzählt, wie er nachts von den Tieren an den Wänden träumt. Oder ein heutiger Steinzeitmensch-Freak lebt das Damals nach, in Felle gekleidet und auf einer urzeitlichen Flöte blasend.


Höhlengeheimnisse

Technisch betrachtet ist die Chauvet-Höhle vollständig erfasst – jeder einzelne Millimeter ist mit Laser vermessen. Aber auch nach Jahren der Forschung birgt die Chauvet-Höhle Geheimnisse. So finden sich etwa Fussspuren am Boden, nebeneinanderliegend, die einen von einem Höhlenbären stammend, die anderen von einem zirka achtjährigen Mädchen. Die Fragen, die sich nicht beantworten lassen: Waren beide als Freunde beisammen? War der Höhlenbär ein lebensbedrohlicher Feind des Mädchens? Oder besuchten die beiden zu unterschiedlichen Zeiten diesen Ort – mit Tausenden von Jahren Abstand? Die Chauvet-Höhle ist voller unerzählter Geschichten.

Werner Herzog nennt die Chauvet-Höhle «eines der grössten Kunstwerke der Welt». Wahr oder nicht, der Regisseur tendiert in seinem selbst gesprochenen Kommentar zum Schwülstigen. Er vermittelt zwar Fakten, kommt aber immer wieder ins Schwärmen, wie man das bei ihm gewohnt ist: «Es ist, als wäre hier die Seele des Menschen erwacht.»


Eigener Soundtrack

Die Filmmusik entspricht solchen Kommentaren: Der holländische Cellist Ernst Reijseger hat eigens einen Soundtrack komponiert für Cello, Piano, Kirchenorgel, Wurlitzer-Klavier und Kammerchor. Es sind archaisch anmutende Klänge, die das Geheimnisvolle des Höhlen-Erlebnisses untermalen sollen. Das musikalische Äquivalent zum weihevollen Kommentar des Regisseurs. Die Zuschauer sollen sich davon nicht ablenken lassen. Die Bilder sprechen für sich.

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