Emil Steinberger - «Ich habe Emil immer geliebt und wollte  ihn nie loswerden»

kulturtipp 19/2012 vom | aktualisiert am

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Mit bald 80 Jahren redet der Kabarettist und Schriftsteller Emil Steinberger über fast alles. Nur das Alter scheint ihn nicht zu interessieren.

kulturtipp: Herr Steinberger, kann man Ihnen vertrauen?
Emil Steinberger: Ja, warum, glauben Sie nicht? Ich versuche ehrlich zu sein.

Aber Sie erzählen bei Ihren Auftritten auch «Wahre Lügengeschichten».
Das könnte man so verstehen. Aber ich habe festgestellt, dass es in Frankreich sogar eine Zeitung «Infos» gab, die erklärtermassen nur Lügen verbreitete.

Doppelbödigkeit gehört zu Ihrer Persönlichkeit. Sie sind der Emil, aber nicht nur. Sie sind auch Herr Steinberger.
Halt, halt, das ist eine Rolle, die ich mit «Emil» spiele. Leute, die mich kennen, wissen, dass man auf mich zählen kann. Ich nehme aber eine gewisse Narrenfreiheit für mich in Anspruch.

Emil ist ein Teil von Ihnen, sie wollten ihn schon loskriegen und schaffen das nicht.
Nein, nein, ich habe die Kabarettfigur Emil immer geliebt und wollte die nie loswerden. Aber ich brauchte eine Weile neue Freiräume und dazu musste ich diesen Emil auf die Seite schieben. Aber als Figur ist der Emil kostbar, weil man soviel rein­bauen kann. Es stimmt aber, dass eine gewisse Komik immer in mir drin steckt, die auch im Alltag zum Ausdruck kommt.

Haben Sie schon früh gemerkt, dass die Menschen ein bisschen betrogen sein wollen?
Eine Kabarettnummer muss überhöht sein, sonst ist sie nicht lustig. Ich muss bei meinen ­Geschichten übertreiben, sonst lacht niemand. Das heisst aber noch nicht, dass ich auf einer Welle der Unwahrheiten reite.

Das wäre ja nicht so schlimm.
Stimmt, die Lüge ist nicht einmal in der Katholischen Kirche mehr ein Thema. Ich habe einmal einen Priester danach gefragt. Und der sagte, Lügen ist bei uns kein Thema mehr.

Stimmt es, dass Sie an einem Spielfilm arbeiten?
Ja, meine Frau und ich arbeiteten vier Jahre lang daran. Aber bei einem solchen Projekt reden dermassen viele Leute drein, dass man nicht vom Fleck kommt. Die Idee liegt in der Schublade. Wir buchen die Geschichte momentan als Erlebnis ab.

Also keine Trauer?
Es läuft derzeit so viel, dass wir gar nicht zum Trauern kommen.

Unter anderem planen Sie am 5. Januar eine TV-Sendung mit dem Schweizer Fernsehen zum 80. Geburtstag Anfang nächsten Jahres. Können Sie mit denen arbeiten?
Bis jetzt ging das gut. Ich versuche einfach, das Publikum und mich einen Abend lang zu unterhalten. Ich zeige zum Beispiel, was passiert wäre, wenn ich
ein Lokomotivführer geworden wäre …  oder ein Filmproduzent  … das wär ein abendfüllendes Thema.

Was wäre wenn …? Ist das eine Frage, die man sich im Alter stellt? Was habe ich verpasst, und was muss ich nachholen?
Verpasst oder nachholen gibt es nicht. Aber ich habe Ideen, die ich unbedingt noch umsetzen möchte.

Und dies wäre zum Beispiel, einmal Lokomotive zu fahren.
Ja, in dieser Geburtstagssendung des Schweizer Fernsehens. Ich habe ja gegen 20 Berufe ausgeübt, vom Grafiker über den Kinobetreiber bis zum Schauspieler. Da kann ich noch ein paar dazu setzen, etwa Kassierer in ­einem Supermarkt.

Sie punkten als einer der wenigen Schweizer mit solchen Themen in Deutschland – Was halten Sie eigentlich von dem Streit rund um die Steuer-
CDs?
Eine riesige Komödie ist das. Man stelle sich vor, da sagt ein Politiker, er habe wieder eine neue CD mit Steuerdaten gekauft. Und schon melden sich Tausende freiwillig beim Steuer­amt, weil sie Angst haben. Das wäre ein wunderbares Filmthema.

Oder etwas für die Bühne?
Nein, keinesfalls.

Aber Sie bezahlen Steuern?
Kein Problem.

Was hindert Sie dann, den CD-Streit auf die Bühne zu bringen?
Ich kann mit der Emil-Figur keine politischen Themen angehen. Das passt nicht zusammen, das möchte auch das Publikum nicht.

Sie loben gerne den Kabarettisten Joachim Rittmeyer, der ist sehr politisch.
Ja, vielleicht, aber nicht nur. Er bringt auch allgemein Menschliches auf die Bühne. Man erkennt seine politische Haltung, ohne dass er missionarisch wirkt.
Also, Emil ist eine Figur, die sich politisch nicht umsetzen lässt.
In meinem aktuellen Programm hat es eine Nummer über den Tarifwirrwarr der Post und deren mangelhafte Leistungen. Da merke ich beim Publikum, wie heiss dieses Thema ist. Ich muss das Politische also auf die menschlich-humoristische Ebene bringen.

Spüren Sie bei sich selbst eine Altersradikalität?
Nein, überhaupt nicht.

­Aber Sie äussern sich im Vergleich zu früher vermehrt politisch kritisch, zum Beispiel über das Urheberrecht.
Ich habe mich schon früher immer politisch eingemischt, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Dafür wurde ich öfters in Luzern böse kritisiert.

Waren Sie in einer Partei?
Nein, niemals, aber als ich bei der Post arbeitete, musste ich mich zwischen der linken und der christlichen Gewerkschaft entscheiden. Als Katholik habe ich natürlich die Christen gewählt. Aber das habe ich hinter mir.

Was? Die Gewerkschaft oder den Katholizismus?
Beides. Mit den Religionen habe ich eher Mühe. Sie richten heute viel Schaden an. Früher, als Kind, durfte ich am Sonntag nicht zur Kommunion gehen, wenn mir beim Zähneputzen am Morgen etwas Zahnpasta runterrutschte. Dann war ich nicht mehr nüchtern genug, um die Hostie einzunehmen.

Kennen Sie keine Anwandlungen von Spiritualität?
Nein, höchstens, dass es schön wäre, wenn die Leute etwas mehr Humor in ihrem Leben zulassen würden. Wieso meinen Sie?

Ihr Bühnenprogramm heisst «Drei Engel!», das tönt ein bisschen so.
Was da einem alles unterstellt wird … Engel interessieren die Leute einfach. Es gibt sogar eine Engel-Zeitschrift, die heisst «Lichtspuren», eine andere einfach «Engel».

Statt der Religion haben Sie ja die Kunst. Sie zeichnen mit Ihrer Frau Niccel jede Woche ein Bild.
Genau, wir beginnen am Montag und beenden die Arbeit am Sonntagabend. Dazwischen arbeiten wir immer wieder einzeln ein bisschen daran.

Und dann?
Wandert das Bild in eine Schublade.

Noch keine Ausstellung?
Wir hatten schon einige, so etwa  in Solothurn, Göttingen und Luzern. Die Leute studieren da jeweils konzentriert die Blätter; Niccel und ich die Besucherinnen und Besucher.

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