Ein literarischer Spaziergang

kulturtipp 02/2013 vom | aktualisiert am

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Der Schriftsteller Franz Hessel erinnert sich in ­seinem Band «Pariser Romanze» an einen ­Spaziergang mit seiner grossen Liebe im Jahr 1912. Der kulturtipp ist den Spuren nach­gegangen.

«Papiere eines Verschollenen.» Diese Worte setzte der deutsche Schriftsteller Franz Hessel unter seine Novelle «Pariser Romanze». Ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg berichtet seinem Freund über einen Spaziergang mit seiner grossen Liebe durch Paris. Er erzählt, wie er die junge Frau kennengelernt und ihr ­die Stadt gezeigt hat. Der «Verschollene» deutet an, dass er nicht mehr von der Front zurückkehren wird und mit dem Text ein Vermächtnis hinterlassen hat.

Der Hintergrund der Geschichte: Hessel erinnert sich an eines der ersten Rendezvous mit seiner späteren Frau Helen Grund in jener Zeit. Er verfremdete das Autobiografische allerdings stark, zumal er selbst nie an der Front war. Aber die Geschichte wird ein halbes Jahrhundert später im Spielfilm «Jules et Jim» von François Truffaut in neuer Form aufleben.

Der Spaziergang des Liebespaars in der «Pariser Romanze» lässt sich heute noch gut rekonstruieren: Die beiden durchqueren den Jardin de Luxembourg vom Odéon aus. «Wir gingen weiter zu den verwitterten Königinnen von Frankreich, die würdig auf ihren Postamenten stehen und zierlich ihre halbzerbrochenen Finger ausstrecken.» Die Finger sind zwar längst restauriert, aber die Königinnen harren heute noch aus, etwa die machtbewussten Herrscherinnen Marguerite d’Angoulême Reine de Navararre (1492–1549) und Anne de Beaujeu (1460–1522).

Hessel schreibt auch vom «Kinderkarussell», von dem sich die beiden Liebenden fast nicht trennen können, als wünschten sie sich selbst Nachwuchs – vielleicht sogar gemeinsam? Ein Karussell fehlt zwar heute im Winter, aber ein Kinderparadies findet sich im Jardin noch immer mit dem kleinen «Théâtre de Luxembourg», wo diese Saison das Märchen Pinocchio gegeben wird. Das Liebespaar spaziert weiter Richtung Pariser Altstadt – zur mittelalterlichen Kirche ­St. Julian le Pauvre.

Ikon mit Heiligen

Die Kirche steht im Schatten der grossen Notre Dame am linken Seine-Ufer: «Wir stiessen die Kirchentür auf.» Und sie bewundern das «grosse griechische Ikon mit den hundert Heiligen». Das Ikon mit diesen Darstellungen im griechisch-katholischen Gotteshaus steht heute noch beim Altar, auch wenn der Erzähler mit «hundert Heiligen» übertrieben hat.
Schliesslich verlassen die beiden das Gebäude durch die Seitenpforte und kommen in einen Garten: «Da wuchs und wucherte es um Trümmersteine…» Heute fehlen die Gesteinsresten in diesem ovalen Garten. Aber mittelalterliche Mauerresten zeigen, was der Erzähler gemeint haben könnte. Ein kleines Mahnmal erinnert zudem an die jüdischen Kinder, die aus dieser Gegend, dem fünften Arron­dissement, während der Nazi-Besetzung deportiert wurden. ­Autor Hessel und sein Liebespaar konnten von dieser Tragödie damals nichts ahnen.

Der Platz heisst heute übrigens Square René Viviani, nach einem Sozialisten – und Zeitgenossen von Hessel. Vielleicht, wer weiss, ist er ihm seinerzeit mit seiner geliebten Helen Grund dort begegnet.

[Buch]
Franz Hessel
«Pariser Romanze»
134 Seiten
(Lilienfeld 2012).
[/Buch]

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