Die Welt in den Augen des Malers Otto Dix

kulturtipp 09/2014 vom

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Das Leben des Malers Otto Dix liest sich wie eine Geschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert – fröhlich, deprimierend und widersprüchlich.

Otto Dix: «Selbstbildnis vor der Staffelei», 1926, Tempera auf Holz, 80 x 55 cm (Bild: AKG Images)

Otto Dix: «Selbstbildnis vor der Staffelei», 1926, Tempera auf Holz, 80 x 55 cm (Bild: AKG Images)

Die süddeutsche Biederkeit war ihm ein Grauen: «Muss 50 Aquarelle vom See machen, mir fällt schon gar nichts mehr ein», schrieb der Maler Otto Dix (1891–1969) in einem Brief über die wunderschöne Bodensee-Gegend. Seine Aufzeichnungen sind jetzt in einem aufwändigen Band erstmals erschienen und kommentiert. Die Sammlung umfasst den grössten Teil der Briefe an seine Frau Martha, seine drei Kinder sowie zahlreiche Künstler und Galeristen – ohne die Antwortschreiben an den Absender Dix.

Otto Dix gilt als ein prägender Vertreter der Neuen Sachlichkeit; er war ein begnadeter Karikaturist und raffinierter Porträtist. Und er zeichnete pazifistische Kriegsbilder,  für die er manchen Zeitgenossen am besten in Erinnerung blieb. Dix lehnte die Abstraktion als minderwertig ab, denn für den zeitweiligen Hochschullehrer gehörte das Handwerk mit Stift und Pinsel zur Kunst.

Dix war in jeder Beziehung schwierig zu fassen. So führte er während Jahrzehnten ein familiäres Doppelleben: Neben seiner «Hauptfamilie» am Bodensee unterhielt er eine zweite Frau; Käthe war in Dresden zu Hause, mit ihr hatte er eine Tochter. Praktischerweise behielt er auch gleich sein wichtigstes Atelier dort, denn der Künstler fühlte sich in Sachsen am wohlsten. In der vorliegenden Briefsammlung fehlt allerdings der Austausch mit seiner «Zweitfrau». Die Familie wollte die Aufzeichnungen angeblich nicht herausrücken – «zu pornografisch».

Die Bedeutung seiner Korrespondenz liegt ohnehin nicht im Zwischenmenschlichen. Otto Dix schrieb lakonisch, meist emotionslos – stilistisch so ausgefeilt wie Einkaufszettel. Er schickte seiner Frau familiäre Büronotizen «Hoffentlich war der Geburtstag schön. Ich habe gestern unzerbrechliches Geschirr gekauft, weiss, sehr schön, wie echt.» 

Mit Regime arrangiert

Dieser Künstler lebte in einer Zeit, in der niemand unpolitisch sein konnte – obwohl er es ­eigentlich war. Wie fast alle Deutschen seiner Generation kannte er seit dem Ersten Weltkrieg materielle und seelische Not. «Dort zwischen Gren Reg 100 Trommelfeuer von früh bis halb elf abends neun mit 28gern. Die Verluste des Rgts sind furchtbar. Die Leichen lagen herum, Arme und Beine flogen. Von der 6. Komp dieses Reg blieben 9 Mann übrig», schrieb er in der Feldpost einer Angebeteten. Es ist zumindest naheliegend, dass diese Erlebnisse seinen akzentuierten Charakter nicht eben milder stimmten.

Dann dräute der Faschismus. Dix hatte zwar seit 1927 eine Professur an der Kunstakademie Dresden und ahnte, was kommen würde. In einem Brief an seine Frau schrieb er von einem Konflikt um einen Studenten, der versprochen hatte, dass «er das, was Hitler angefangen hätte, fertig mache.» Der Kommentar von Dix: «Heil Schrumm, Schrumm, Schrumm.» Er war im Jahr der Machtübernahme 1933 seinen Job los.

Künstler Dix war jedoch kein Verfolgter des Regimes und schon gar kein Held. Er wurde zwar im November 1939 nach dem Attentat des süddeutschen Schreiners Georg Elser auf Adolf Hitler verhaftet. Und die Gestapo verhörte Dix eine Woche lang, dann kam er aber frei. Er entwickelte eine Strategie, die in jener Zeit überlebenswichtig war – Kontakte zum Regime. Der Maler pflegte eine indirekte Beziehung zu Aussenminister Joachim von Ribbentrop. Seine Bemühungen trugen Früchte, so schickte ihm die Reichskul­turkammer 1943 Leinwand aus Berlin: «Ich war baff.» Er hatte sich mit dem Regime arrangiert.

In Hemmenhofen am Bodensee blickte Dix zwar jeden Tag auf das nahe Schweizer Ufer, wer aber glaubt, er habe die kriegsverschonte  Nachbarschaft für ein Paradies gehalten, täuscht sich sehr. In den Briefen findet sich jedenfalls keine Silbe dazu; im Gegenteil. Als 1941 eine deutsche Invasion drohte, schrieb er lakonisch: «Nun geht hier das hartnäckige Gerücht um, dass in nächster Zeit nicht nur Spanien und Portugal, sondern auch die Schweiz besetzt wird.»

Dix sollte in seinem späteren Leben unzählige Male in der Schweiz weilen. Er hatte in den später 50ern engen Kontakt zu dem Ostschweizer Galeristen Franz Larese, den er oft besuchte. Diese Visiten müssen ziemlich heiter gewesen sein: «Am Sonnabend war ich beim Zeichnen schon recht besoffen, am nächsten Morgen hatte ich völlig vergessen, dass wir in Hagenwil zu Abend gegessen hatten.»

Museum am Bodensee

Das Andenken an Otto Dix wird  in der Bodensee-Region hochgehalten. In Hemmenhofen führt heute eine Otto-Dix-Strasse zu der mit der Erbschaft seiner Frau errichteten Villa. Das Anwesen ist nun ein Museum, das für den Besucher die Lebensumstände der Familie Dix nachvollziehbar macht. Sein Malatelier ist erhalten, ein nüchterner Raum, der wenig verrät. Eine Video-Audio-Anlage führt durch das Haus. Der Keller ist mit grotesken Darstellungen ausgeschmückt, etwa ein «J. P. Aristoteles» mit einer nackten Frau, die eine Peitsche schwingt – der Mann liebte  seine Fantasien. 

Buch
Otto Dix. Briefe
Ulrike Lorenz (Hrsg.)
1024 Seiten
(Wienand 2013)

Ausstellung
Museum Haus Dix
Otto-Dix-Weg 6
Gaienhofen-Hemmenhofen am Bodensee
www.museum-haus-dix.de

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