Die starke Frau an Pestalozzis Seite

kulturtipp 22/2013 vom | aktualisiert am

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Sie war die Frau neben dem grossen Mann: Anna Pestalozzi-Schulthess. Mit ihrem Leben hat sich die Autorin Dagmar Schifferli auseinander­gesetzt.

Heinrich Pestalozzi hat viele Spuren hinterlassen: Als Erneuerer in der Erziehung, als politischer Denker und als Begründer einer kindergerechten Pädagogik. Er wurde bewundert und verehrt. Nur: Pestalozzis Wesen und sein Leben entsprechen nicht ganz dem bis heute idealisierten Bild. Diesen Eindruck vermittelt das Buch über das Leben von Anna Pestalozzi-Schulthess (1738–1815), das die Sozialpädagogin und Psychologin Dagmar Schifferli 1996 geschrieben hat. Der Römerhof Verlag hat das Werk nun neu aufgelegt.

Ein Tod verändert alles

«Ich verspreche Ihnen so viel Sorgfalt in meinem Beruf zu zeigen, dass gewiss Ihre Tochter nie in den Fall kommen wird, deswegen auch nur einen einzigen Seufzer aus ihrer Brust zu stossen.» Diese Worte schrieb Pestalozzi um 1767 an seinen zukünftigen Schwiegervater. Es sollte anders kommen. Denn leicht wurde das Leben der damals 29-jährigen Anna Schulthess an der Seite von Pestalozzi nicht.

Die Tochter der wohlhabenden Zürcher Familie setzte sich zwar mit all ihrer Schaffenskraft und all ihrem Geld für Pestalozzis ­Ideen und Projekte ein – um ihren Mann immer wieder scheitern zu sehen. Der Tod ihres besten Freundes Menalk im Jahr 1767 besiegelt Anna Schulthess’ Schicksal. Menalk, der eigentlich Johann Kaspar Bluntschli hiess, war ein gern gesehener Gast im Hause Schulthess. Er starb mit 23 Jahren an einem Lungenleiden. Tieftraurig über seinen Verlust, findet die 29-Jährige in Pestalozzi, auch er ein Freund von Me­nalk, einen Leidensgenossen. In unzähligen Briefen suchen beide tröstende Worte füreinander, bis sich der stürmische Pestalozzi in Anna verliebt. Sie weiss: «Heinrich hat zwar Fehler, recht gravierende sogar, darüber kann ich nicht hinwegsehen; er legt sie aber offen und ehrlich dar …» So entscheidet sie sich für den acht Jahre jüngeren Studienabbrecher und Bauern.

Nach der Heirat – wider den Willen ihrer Eltern – leidet die Tochter aus gutem Hause von Beginn weg unter den einfachen Verhältnissen und dem Geldmangel. Pestalozzi ist ein Fantast, unbelehrbar und unbeirrt. Seine Projekte vom Bauernbetrieb in Mülligen AG über die Armenanstalt Neuhof bis zum Institut in Yverdon trägt Anna alle mit, aber die schwere Arbeit und sein wiederholtes Scheitern zehren an ihren Kräften.

Sanftmut und Glaube

Es ist wohl der unerschütterliche Glaube an eine Fügung Gottes, den Anna Pestalozzi nie verzweifeln lässt. Selbst in Zeiten finanzieller Not denkt sie, «dass auch diese Widerwärtigkeiten uns noch zum Segen dienen müssen».
Diese These bleibt Vermutung. Denn leider ist es Dagmar Schifferli nicht gelungen, dem Wesen Anna Pestalozzis spür- und lesbar näherzukommen. Trotz des grossen Quellenstudiums und der fiktiven Erzählweise bleibt die aussergewöhnliche Frau in ihrer eigenen Biografie im Schatten ihres Mannes stehen. Was man kaum glauben mag, doch bestätigen dies auch die Zeilen des Pestalozzi-Schülers Johann Heinrich Torlitz: «Sie ist eine alte vortreffliche Frau. Sie führt die Rechnung des Instituts (Yverdon) und einen Teil von dem Briefwechsel ihres Mannes. Sie scheint recht für Pestalozzi geschaffen zu sein. Durch die ihr eigentümliche Sanftmut weiss sie den Ausbruch seiner Heftigkeit zu dämpfen, und mit mehr als weiblicher Grossmut trägt sie seine vielen Eigenheiten und Aufopferungen für das allgemein Beste.»    

Dagmar Schifferli
«Anna Pestalozzi-­Schulthess. Ihr Leben mit Heinrich Pestalozzi»
Erstausgabe: 1996
Heute erhältlich beim Römerhof Verlag.

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