Die Sehnsucht nach dem Ausbruch

kulturtipp 09/2013 vom | aktualisiert am

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Die 34-jährige Fribourgerin Isabelle Flükiger erzählt in ihrem tragikomischen, vierten Roman «Bestseller» von einem Durchschnittspaar, dessen Leben sprichwörtlich auf den Hund kommt.

Jung und wild? Das trifft auf das Paar Anfang dreissig in Isabelle Flükigers neuem Roman «Bestseller» nicht mehr zu. Schon längst haben sich die Ich-Erzählerin und ihr «Teuerster» behaglich in ihrer Wohnung mit Ikea-Möbeln eingerichtet, entspannen sich abends bei auserlesenem Essen und einer US-amerikanischen Serie. Tagsüber gehen die beiden Studienabgänger mehr oder minder motiviert ihren Berufen nach: Die Ich-Erzählerin arbeitet in einem Kulturbetrieb und schreibt heimlich an einem «Bestseller». Ihr Freund Mathieu schlägt sich als Lehrer durch und versucht dabei, seinen Idealismus nicht ganz zu verlieren. Mittelmass wollten die beiden zwar nie sein, und dennoch sind sie nun in der Schweizer Durchschnittlichkeit angekommen – und nicht unglücklich damit. Und der weitere Weg ist mit Heirat, Haus und Kindern abgesteckt.

Vierbeiner Gabriel

Doch da läuft ihnen ein kleiner, quirliger Hund namens Gabriel zu und wirbelt das gemässigte Leben der beiden gehörig durcheinander. «Jedem seine Umwälzung. Meine ist gerade dabei, sich füttern zu lassen», stellt die Ich-Erzählerin fest. Anfangs bereiten ihnen die Futter-Vorlieben und Verdauungsprobleme des Vierbeiners die grössten Sorgen. Doch bald schon weht ein anderer Wind: Denn mit Hund Gabriel zieht auch der kurdische Flüchtling Said bei ihnen ein, der rassistische Nachbar gerät ausser Kontrolle, und das Paar hat selbst mit existenziellen Nöten zu kämpfen.

Umwälzungen

Lehrer Mathieu gerät mit gut ­situierten Eltern und einem angepassten Schuldirektor in Konflikt und scheitert an seinen pädagogischen Ambitionen. Und im Kulturbetrieb der Ich-Erzählerin werden Subventionen und somit Arbeitsstellen gestrichen. Die Ironie verliert sie wegen ihres «Ameisendaseins» dennoch nicht: «Wir stehen beide direkt neben dem verdammten Floss der Medusa, verstehen Sie? (…) Oder neben dem Floss von Kate Winslet in Titanic … Wir beide sind Leonardos. Es ist hart, in diesen Stunden ein Leonardo zu sein.»
Mit ihrem neuen Roman «Bestseller» trifft Isabelle Flükiger den Ton und das Lebensgefühl der gut ausgebildeten 30-Jährigen, die sich erstmals dem rauen Wind der Realität aussetzen müssen. Sie beschreibt darin aber auch eine Generation in einem wohlhabenden Land, die ab und zu den Drang nach Ausbruch aus der ganzen Behaglichkeit verspürt. Ihre Protagonisten wissen: «Das Wunschdenken ist das Opium des Idioten» – und trotzdem halten sie sich an ihre Träume und gewinnen in der neu entstandenen Unsicherheit ihre Freiheit zurück.

Ironischer Tonfall

Bereits in ihren ersten drei Werken hat sich die 34-jährige Schriftstellerin mit der Sehnsucht nach dem Ausbruch und Identitätsfragen beschäftigt. Im viel gelobten Debütroman «Du ciel au ventre» schreibt sie roh und ungekünstelt über zwei Freundinnen, die sich aus Langeweile prostituieren. Der neue Roman mit seiner lustig-leichten Hundegeschichte im ironischen Tonfall hat nun an Dringlichkeit verloren und kommt manchmal etwas gar harmlos daher.
Trotzdem ist es dieser Roman, der dem Rotpunktverlag aufgefallen ist und nun als erstes Werk von Flükiger auf Deutsch erscheint. Die in Fribourg aufgewachsene Schriftstellerin lebt nach ihrem Politik- und Literaturwissenschaftsstudium und einem längeren Schreib-Aufenthalt in Berlin inzwischen mit ihrem Freund in Bern. «Ich freue mich darüber, eine neue Leserschaft in der Deutschschweiz zu haben. Zurzeit lese ich deutsche Literatur, damit ich die Sprache besser lerne», sagt Isabelle Flükiger mit charmantem französischem Akzent. In Bern arbeitet sie Teilzeit in der Bundesverwaltung. Das Ziel sei aber, eines Tages ganz vom Schreiben leben zu können.

Isabelle Flükiger
«Bestseller»
Aus dem Franzö­sischen von Lydia Dimitrow
168 Seiten
(Rotpunktverlag 2013).

 

Fünf Fragen an Isabelle Flükiger
«Mein Protagonist macht keine Kompromisse»

kulturtipp: In Ihrem Roman beschreiben Sie das Lebensgefühl einer Generation. Sie schöpfen aus eigener Erfahrung. Was treibt die rund 30-jährigen Studienabgänger um?
Isabelle Flükiger: Es ist der Anfang des beruflichen, vielleicht auch familiären Lebens. Mir geht es etwa um die Frage, welche Konzessionen man bereit ist zu machen, um einen interessanten Beruf ausüben zu können. Meine Figur Mathieu lässt sich nicht auf Kompromisse ein.

Ihr Roman «Bestseller» handelt auch von der Sehnsucht nach dem Ausbruch in einer wohlhabenden Gesellschaft.
Ich wollte ganz verschiedene Themen ansprechen: Etwa das System der Meritokratie, in dem wir in der Schweiz leben sollten, was aber nicht der Fall ist. Rassismus oder die Beziehung des Staates zur Kunst waren weitere Themen, über die ich schreiben wollte. Und letztlich geht es im Roman auch um meine eigene Beziehung zum Schreiben.

Ihre früheren Bücher sind radikaler als «Bestseller». Sind Sie gemässigter geworden?
Nein, der Unterschied liegt eher im Tonfall. Ein Drama wirkt radikaler. Diesmal wollte ich einen leichteren, lustigen Ton anschlagen. Ich fand es schwierig, über Themen wie Rassismus in einem ernsten Tonfall zu schreiben. Ich habe es mehrmals probiert, aber das Resultat war mir zu dramatisch und schwerfällig, darum habe ich diese Form gewählt.

Was ist Ihr Antrieb zum Schreiben?
Ich finde das Leben viel interessanter, wenn ich schreibe. Es hat mich schon immer fasziniert, wie man Gefühle mit Wörtern erzeugen kann – genau wie mit Musik. Darum habe ich schon als Kind angefangen, Gedichte und kleine Texte zu schreiben. Heute ist mir der Rhythmus eines Textes sehr wichtig. Dieser ist auch im neuen Roman in der deutschen Übersetzung von Lydia Dimitrow gut erhalten geblieben.

Welches sind Ihre aktuellen Schreibprojekte?
Ich arbeite an einer Familiengeschichte. Ur­sprünglich wollte ich die Geschichte meiner Mutter, die als junge Frau aus Rumänien in die Schweiz kam, literarisch umsetzen. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich beim Schreiben freier fühle, wenn ich alles erfinden kann. Der Roman kann sich noch in alle Richtungen ent­wickeln.

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