Die hölzerne Handprothese von Capitaine Danjou

kulturtipp 09/2013 vom | aktualisiert am

Ich verbrachte meine ersten Lebensjahre in einem kleinen jurassischen Dorf, wo noch heute der Rauch der letzten Hexenverbrennungen über den Höfen weht. Alle meine Tanten und Onkel lebten dort. Bis auf Onkel Arthur. Man sagte mir, er würde eines Tages zurückkehren. Wohl oder übel.

Er kam nach einigen Jahren. Ich hörte ihn frühmorgens draussen auf dem Hof Holz ­hacken. Er hackte nicht, er zerstörte das Holz, er zertrümmerte es mit brachialer Gewalt. Er war ein klein gewachsener Mann mit dem Oberkörper eines Gladiators, eine ­Naturgewalt.

Da ihn die Familie ächtete, suchte er vermehrt den Kontakt zu mir. Er fuhr mich oft in seinem knallroten Cadillac Eldorado ins Kino nach Belfort und sang unterwegs Frank Sinatra. Einmal verweigerte mir der Besitzer den Eintritt, weil ich noch viel zu jung war. Onkel Arthur schnauzte ihn an: «Weisst du kleiner Scheisser, was wir in Algerien mit Typen wie dir gemacht haben?» Mein Gott, dachte ich, wie kommt er bloss auf Algerien?

«Ich rufe die Polizei», entgegnete der Be­sitzer.

«Les flics?», brüllte Onkel Arthur. «Ich war 57 unter dem Kommando von General Massu in der Schlacht von Algier. Ich war einer der Fallschirmjäger der 10. Division. Wir waren die Brutalsten. Und du willst mich verhaften lassen?»
Onkel Arthur donnerte seine Faust in die Glasfront des Kassahäuschen und zerrte den Besitzer über den Tresen. Die folgende Schlagstafette war furchtbar. Nur Mike ­Tyson hat später noch so geboxt.

Onkel Arthur verbrachte einige Zeit wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis. Er wohnte dann in der Stadt und besuchte meine Familie jeden Tag. Er hatte ja keine: «Die Legion war meine Familie. Nationalität, Religion, Rasse, das spielte alles keine Rolle. Wir waren Waffenbrüder, Elitesoldaten. Ehre, Stärke, Mut und Gehorsam, das waren unsere Tugenden. Wir waren
Legionäre.»

Am 30. April, dem höchsten Feiertag der ­Legion, kam er jeweils mit der hölzernen Handprothese von Capitaine Danjou, um in unserer Küche Camerone 1863 zu gedenken; das ist der legendäre Erinnerungstag an ein Gefecht französischer Legionäre in Mexiko. Der Onkel trank dazu Beaujolais. Wenn er betrunken war, erzählte er mehr. «Weisst du, bei unseren Veteranentreffen reden wir über Indochina, aber keiner verliert ein Wort über Algerien. Es ist wohl das Grausamste was Menschen jemals getan haben.»

Es war kurz nach dem Fest Camerone 1863, als ich Onkel Arthur als minderjähriger Dolmetscher zum Personalchef eines Chemiekonzerns begleiten musste.

«Es gibt da ein paar Lücken in Ihrem Lebenslauf», sagte der Personalchef. «Hier zum Beispiel, fünf Jahre …»
«Da war ich in der Legion», sagte Onkel ­Arthur, ohne zu zögern, obwohl ich ihm doch eindringlich davon abgeraten hatte. Und als der Personalchef ihn fragte, mit welchen Fahrzeugen er Erfahrung habe, ­erwähnte er tatsächlich den AMX-13- ­Panzer.

«Sie waren also in der Legion», murmelte der Personalchef.

Onkel Arthur hob sein Hemd hoch und zeigte seine Wunden: «Sehen Sie, so haben die mich damals in Algerien zusammengeflickt. Heute lassen sich die Weiber neue Titten machen, und man sieht nicht die kleinste Operationsnarbe. Mich haben sie wie ein Schwein zusammengeflickt. Wann kann ich anfangen?»
«Sie hören von uns», sagte der Personalchef knapp und erhob sich.
«Arthur, nennen Sie mich Arthur. Oder ­Captain. In Algier nannten sie mich Captain.»

«In Ordnung, Captain», sagte der Personalchef und unterdrückte ein Grinsen.
Als wir auf dem Parkplatz zum Auto gingen, strahlte Onkel Arthur über das ganze Gesicht. «Ich war saugut», lachte er. «Das mit der Legion hat ihn mächtig beeindruckt. Am Schluss hat er mich sogar Captain genannt. Das ist Respekt unter Männern. Verstehst du, Respekt unter Männern.»

Im Auto begann er euphorisiert «Tiens, voilà du Boudin» zu grölen und hielt überraschend in einem nahen Waldstück an. Er riss seinen Hosenschlitz auf und nahm sein erigiertes Glied heraus. Er wollte sich auf mich stürzen, aber ich konnte gerade noch rechtzeitig die Beifahrertür öffnen und mich hin­ausstürzen. Ich stand auf und rannte los. Ich war ein guter Sprinter. Ich höre noch das derbe Lachen von Onkel Arthur. Die Welt sei schlecht, rief er mir nach, in Algerien sei er auf den Geschmack gekommen. So hätten sie Väter gebrochen, wenn sie zuschauen mussten. Ich verstand nicht, was plötzlich in diesen Kerl gefahren war. Ich erzählte die ­Geschichte meiner Lieblingstante, aber sie meinte, sie wolle diesen Schweinekram nicht hören. Die gesamte Verwandtschaft wollte es nicht hören. Ich habe dieses Dorf nie mehr besucht. Im Gegensatz zu Onkel Arthur. Das Wegschauen seiner Geschwister hatte ihn animiert, es nun mit meinen wesentlich jüngeren Cousins zu versuchen. Zwei von ihnen vergewaltigte er jahrelang. Einer brachte sich schliesslich um.

Niemand ging zur Polizei. Onkel Arthur wurde verbannt, ausgeschlossen.
Jahrzehntelang lebte Onkel Arthur in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Stadt. Etliche Jahre später, es war ein 30. April, wollte ich ihn besuchen und ihm eine reinhauen. Doch die Vermieterin sagte, er sei am Weihnachtsabend verstorben. Er habe nur eine hölzerne Handprothese hinterlassen.

 

Claude Cueni
Der 1956 geborene Claude Cueni ist Schriftsteller und Drehbuchautor und lebt in Basel. Soeben erschien sein neuer historischer Roman «Der Henker von Paris».

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