Die dunklen Seiten der deutschen Vorzeigedemokraten

kulturtipp 18/2013 vom

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Günter Grass, Horst Tappert oder Dieter Hildebrandt: Eine Generation deutscher Kulturschaffender liess sich für den National­sozialismus begeistern. Der Literaturwissenschaftler Malte Herwig geht den gebrochenen Biografien nach.

Verführt und missbraucht: Junge Männer in der Ausbildung an einem Flakscheinwerfer in den 1930er-Jahren / bpkulturbesitz/carl weinrother; PD; Jens Gyarmaty/VISUM; People Picture/compb; teutopress GmbH (2); Rudolf Klaffenböck Magnus Manske

Verführt und missbraucht: Junge Männer in der Ausbildung an einem Flakscheinwerfer in den 1930er-Jahren / bpkulturbesitz/carl weinrother; PD; Jens Gyarmaty/VISUM; People Picture/compb; teutopress GmbH (2); Rudolf Klaffenböck Magnus Manske

Was wäre, wenn herauskäme, dass Nachkriegsautoritäten der Schweiz wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt einst Mitglieder der faschistischen Frontisten gewesen wären? Einen solchen Schock der Aufklärung erlebt das linksliberale Deutschland. Viele ihrer Säulenheiligen, welche die Bundesrepublik mit ihren Voten als «gutes Gewissen der Nation» und ihrem Einsatz für mehr Demokratie mitprägten, gehörten in ihrer Jugend der NSDAP oder der SS an.

Nur verschwiegen sie das lange. Dazu zählen Autoren wie Günter Grass, Sigfried Lenz oder Martin Walser, Wissenschaftler Walter Jens, Komponist Hans Werner Henze oder der Kabarettist Dieter Hildebrandt. Jüngst kam ­heraus, dass Derrick-Darsteller Horst Tappert Mitglied der Waffen-SS war. Den «Flakhelfern» der Jahrgänge 1924 bis 1928 hat der deutsche Journalist und Literaturwissenschaftler Malte Herwig nun ein kluges und erstaunlich faires Porträt gewidmet.

Viele Beteiligte wie Walser, Jens oder Henze reagierten stereotyp auf entsprechende Befunde: Sie sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je einen Aufnahmeantrag in die Partei unterschrieben zu haben. Die Partei habe sie kollektiv und ohne ihr Wissen aufgenommen. Hildebrandt gab an, die Mutter habe für ihn unterschrieben. Herwig lässt diese Selbst-Entnazifizierung jedoch nicht gelten: Gestützt auf NS-Forscher wie Michael Buddrus und Armin Nolzen stellt er klar, dass es eine Aufnahme in die Partei «ohne eigenhändig unterschriebenen» Antrag so wenig gegeben hatte wie Zwangsmitgliedschaften ganzer Jahrgänge. Die Partei habe sich als Auslese der Besten verstanden, ihr gehörten nur 15 Prozent der Deutschen an.

Sensible Porträts

Herwig deutet die Repliken als Akt der Abwehr: Die jüngsten Parteimitglieder waren «verführt und verraten». In «eine ungewisse Zukunft entlassen» trugen sie nach 1945 die «moralische Last, als Kinder mitgetrommelt zu haben». Durch ihr verdoppeltes Engagement für die neue Demokratie suchten sie nach Herwigs Lesart, ihre «existentielle Verunsicherung» und Scham zu ­verdrängen. Sie sahen für sich keine andere Möglichkeit. Jeden Prominenten, der ­im Nachkriegsdeutschland seine Parteimitgliedschaft zugegeben hätte, erwartete die Stigmatisierung. Herwig kritisiert die «Unnachgiebigkeit, mit der wir Deutsche moralische Urteile fällen».

Der Autor, Literaturwissenschaftler und ehemaliger «Spiegel»-Redaktor zeigt eindrücklich anhand von Textanalysen, wie das Unaussprechliche zwischen den Zeilen Ausdruck fand: Romane von Grass und Walser (siehe Seite 31) umkreisen die NS-Zeit und behandeln oft Spielarten des Verbergens und Aufdeckens – ohne das Geheimnis ihrer Schöpfer je preiszugeben.

In sensiblen Porträts schildert Herwig im zweiten Teil seine Begegnungen mit Beteiligten. Er weigert sich, den Hochsitz der Moral zu erklimmen, denn: «Nie in Versuchung geführt, haben wir (Nachgeborene) alles richtig gemacht.» Und er zeigt Grass und Walser als alte Männer, die mit ihren Erinnerungen ringen. Grass erzählt, dass er sich kürzlich ertappte, wie er Lieder der Hitlerjugend summte. Ironischerweise geben die heute 85-Jährigen mit ihrem Verhalten Hitler recht, der 1938 eine Rede über das Verhältnis der «deutschen Jugend» zum Nationalsozialismus mit dem Satz schloss: «Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.»

Doppeltes Spiel

Verdrängung praktizierten nicht nur einzelne «Flakhelfer«. Herwig schildert auch die Odyssee der NSDAP-Mitgliederdatei nach 1945. SS-Offiziere wollten die über 10 Millionen Mitgliederkarten noch in den letzten Kriegstagen in einer Münchner Papiermühle schreddern lassen, doch der Besitzer, kein Nazi-Freund, schaffte die Dokumente beiseite, bis die Amerikaner kamen. Herwig belegt, wie die USA 1967 zur Rückgabe bereit gewesen wäre. Doch die Bundesregierung wollte das Material nicht. Noch 1990 bat das FDP-geführte Auswärtige Amt die USA um ein doppeltes Spiel, wie Herwig herausfand: Die deutsche Delegation werde zum Schein kompromisslos die Rückgabe fordern. Man erwarte aber eine klare Absage der USA, um die Kritiker im Bundestag besänftigen zu können. Erst 1994 ging die NSDAP-Kartei ans Bundesarchiv in Berlin, wo Herwig sie durchforstete. Bald flog auf, dass die NSDAP-Karteikarte eines Rückgabe-Verhinderers, Aussenminister Hans-Dietrich Genscher (Jahrgang 1927), im Archiv lag. Er dementiert seine Parteimitgliedschaft.

Das Buch hat auch Schwächen: Herwig rezyklierte teils bereits veröffentlichte Passagen. Der Sprachstil des Buches ist daher nicht aus einem Guss. Schlimmer ist, dass Herwig die Generation der «Flakhelfer» ohne Not bis zum Jahrgang 1919 ausdehnt und damit seine These verwässert. Die Weltsicht der Älteren war aufgrund des Aufwachsens vor 1933 nie so umfassend nazifiziert wie das Denken jüngerer «Flakhelfer», die bis Mai 1945 nur das «Dritte Reich» und seine Propaganda kennengelernt hatten.

Neuer Umgang  

Dennoch lohnt sich die Lektüre. Das Buch macht deutlich, dass heute ein neuer Umgang mit der NS-Zeit und den Beteiligten möglich ist. Endlich darf es in der Betrachtung nicht mehr nur Schwarz oder Weiss – Nazis oder Antifaschisten – geben, sondern auch Grautöne, also gebrochene Biografien. Endlich kann Herwig mit Akribie, Einfühlungsvermögen und Wissen nach der Wahrheit suchen, um zu begreifen, was junge Menschen zu ­begeisterten Anhängern einer menschenverachtenden Ideologie machte.   

Buch    

Malte Herwig
«Die Flakhelfer»
320 Seiten
(DVA München 2013).

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