Der Autor Michael Fehr: «Ich sage …»

kulturtipp 16/2015 vom | aktualisiert am

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Michael Fehr über den Sprachgebrauch

Der Autor Michael Fehr (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)

Der Autor Michael Fehr (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)

Ich sage
der Sprachgebrauch beengt
was ich sehr bedaure
darum
es gibt kein richtig und kein falsch in der 
Sprache
es gibt keine Sprachregeln
es gibt nur günstig oder ungünstig oder 
glücklich oder unglücklich
unglücklich oder ungünstig ist
wenn eine Aussage entgegen dem Sinn
welcher den Ansprechenden vorschwebt
von den Angesprochenen überwiegend 
missverstanden wird
glücklich oder günstig ist
wenn eine Aussage im Sinn
welcher den Ansprechenden vorschwebt
von den Angesprochenen überwiegend 
verstanden wird

Ich sage
wenn du kritisierst
bist du ein Zweifler
die Kritik ist Ausdruck deines Zweifels
ein anderer Ausdruck deines Zweifels ist der
ehrgeizige Zwang
das heisst
wenn du kritisierst
kannst du etwas erreichen
weil du nämlich als Zweifler auch den 
ehrgeizigen Zwang hast
du kannst die Erde umgraben
das heisst das immer Gleiche variieren
im immer Gleichen rühren
du kannst aber nichts schaffen
weil du das Schaffen nicht erzwingen kannst
du kannst keine Entwicklung herbeiführen
es wachsen keine Pflanzen aus der Erde
solang du zweifelst
und Früchte gibt es erst recht keine

Ich sage
ich stelle mir die Figuren gezeichnet vor
gezeichnete Figuren sind karger als lebende
an lebenden Figuren kann man nie Alles 
sehen
sie sind immer unendlich viel reicher an 
Merkmalen und Eigenheiten
als Alles
was man an ihnen merkt
an gezeichneten Figuren gibt es derweilen 
nicht mehr
als gezeichnet worden ist
mehr nicht
für den Einsatz in der Literatur sind aber 
diese kargen Figuren wahrscheinlich viel 
echter
viel einleuchtender heisst das
als lebendige
weil an ihnen nichts ist als ihre 
wesentlichsten Merkmale oder Eigenheiten

Ich sage
der Sprachgebrauch beengt
was ich sehr bedaure
und Friedrich Glauser sagt
Absolviert oder Absolutiert
der Unterschied war nicht gross
wichtig war nur
dass man sich verstand

Ich sage
kritisieren bedeutet bemängeln
bemängeln bedeutet bewerten
beurteilen
beurteilen ist die Tätigkeit des Zweiflers
der Ausdruck
also ist bemängeln die Tätigkeit des Zweiflers
also ist kritisieren die Tätigkeit des Zweiflers
der Zweifler ist jener
der ausser Stande ist zu vertrauen
der Zweifler ist Allem und Jedem gegenüber 
misstrauisch
der Zweifler trachtet danach
an Allem und Jedem den Mangel 
aufzuspüren und diesen Mangel 
anzuprangern
um sagen zu können
ich habe recht
dass ich zweifle
dass ich anzweifle
ich bin im Recht
ich bin recht
ich bin berechtigt
meine Anwesenheit ist gerechtfertigt
jeder Mensch möchte recht sein
jeder möchte seine Berechtigung haben
seine Daseinsberechtigung
der eine kann darauf vertrauen
dass er recht ist
der andere muss über Umwege zu seinem 
Recht kommen
diese Umwege sind aber höchst gefährlich
denn sie führen über das Bewerten und 
Beurteilen
und welche Gefahr darin liegt
veranschaulicht die Geschichte über die 
beiden Brüder auf das Bildhafteste
bei uns heissen die Brüder Kain und Abel

Ich diktiere
wenn ich perzepiere und zugleich observiere
wenngleich eventuell bloss partiell
habe ich evident Kapazität pro Observation 
und ergo nicht zent Prozent 
Konzentration und bin ergo ein partieller 
Observator und relativ zu einem 
perfekten ein bloss nicht perfekter und 
ergo defekter Perzepator

Ich sage
wenn das mittels meines Rekorders 
gespeicherte Diktat mein Mittel 
repräsentiert
dann leiste ich in diesem Mittel
was mir zu erbringen nur irgend possibel und 
passabel erscheint
und nenne die Leistung Partitur
da sie mir in meinem Mittel zwar erbracht 
und gemäss zur Präsentation reif
jedoch um zur Präsentation zu gelangen 
ferner irgendwelcher Interpretation 
bedürftig erscheint
und Michael Harenberg sagt
jedoch bedarf eine Partitur eines Adressaten
da sie nur so zu einem Interpreten gelangt
der das Seine in seinen Mitteln leistet
und ich sage
jedoch mir erscheint vernebelt
welche Adresse auf meiner Partitur stehen 
und gemäss in welchen Mitteln die 
Interpretation geleistet werden dürfte
und so stehe ich gar dürftig auf ferner
vernebelter Flur
und meine sogenannte Partitur repräsentiert
gar keine


Lodovico Settembrini sagt
Wolfram von Eschenbach
der grösste Dichter des Mittelalters
war Analphabet
und ich sage
ich kenne das
als zunehmender Diktator analphabetisiere
ich mich zusehends
Ich sage
ich kenne nur eine Wahrheit
und zwar meine
zwei
drei
vier

Raymond Murray Schafer sagt
spitze nur einer die Ohren
wo er bereits die Nase rümpft
auf die Ohren schimpft
sich taub stellt
auf die tollen Augen baut und damit und 
dann wie scharf schneidet
wo er auf einen Vordern guckt
nur dann eine Breitseite die Sicht verstellt
wo toll schneiden nicht hindurch hilft
nur stechen
und unsereiner guckt dann
wo vordres einer speut und scharfe Augen 
schneidet
und nichts hilft
wie er dann guckt und sich freut
wo er mit spitzen Ohren hindurch sticht und 
damit Sicht auf einen Hintern erhält

Ich sage
bezeichnen heisst benennen
benennen heisst beim Namen nennen
der Name ist das Bild
das Bild ist das Bild

Ich sage
ich bin einer
der denkt
einer
der sinnet
der sucht Sinn zu machen im Gemüt
also Licht

Michael Fehr
Michael Fehr (* 1982) ist in Gümligen BE aufgewachsen. Er hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. Wegen seiner starken Sehschwäche erstellt der preisgekrönte Autor und Spoken-Word-Künstler seine Werke durch Diktat auf ein Aufnahmegerät. Von ihm sind die Prosatexte «Kurz vor der Erlösung» und «Simeliberg» erschienen. [...]

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