Christina Viragh: Jasmin

kulturtipp 15/2018 vom

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Die Schriftstellerin Christina Viragh über ein unbekanntes syrisches Flüchtlingsmädchen in Italien.

Christina Viragh (Bild: EKKO VON SCHWICHOW)

Christina Viragh (Bild: EKKO VON SCHWICHOW)

In einer jasminduftenden Mainacht finde ich auf dem Mäuerchen vor der verlotterten armenischen Kirche unweit der Via Veneto in Rom einen Stapel Schulbücher und Hefte eines 16-jährigen syrischen Mädchens, das ich Jasmin nennen will, aus Gründen der Diskre­tion, aber vor allem, weil auf einem in durchsichtige Plastikfolie gebundenen, fotoko­pierte Seiten enthaltenden Heft, offenbar eine Abschlussarbeit, genau der Jasmin zu sehen ist, der um diese Zeit in Rom blüht. Ein falscher Jasmin, um exakt zu sein, Trachelo­spermum jasminoides, wegen seines Dufts und der Form seiner kleinen weissen Blüten im Volksmund eben Jasmin genannt, gelsomino auf Italienisch, so wie es auch auf dem Titelblatt von Jasmins Arbeit steht: I gelsomini di Aleppo. 

Der handschriftliche Text beginnt so: «Ich bin am 5. Mai 2002 in Aleppo geboren. Ich erinnere mich an die Stadt Aleppo voller grüner Bäume, kleiner Bäume mit vielen roten, gelben und weissen Blüten, die Hibiscus heissen. Ich weiss, dass es auch in Italien viele dieser kleinen Bäume gibt und auch den Jasmin, der die Luft so stark parfümiert, er findet sich in ganz Syrien und in Aleppo, auf allen Strassen gibt es viele Jasminbüsche.» Eigentlich eine Kletterpflanze, dieser Jasmin, um wieder exakt zu sein. Ich kenne in Rom ein Haus, zu Fuss etwa eine Viertelstunde von der armenischen Kirche entfernt, dessen Fassade im Mai von einem Jasminblütenteppich fast völlig bedeckt ist, aber man kann ihn natürlich auch zu Büschen zurechtstutzen oder an Zäunen entlangführen. Jasmin, verzeih die Pedanterie, sie ist ein Atemholen vor deinen nächsten zwei Sätzen: «In fast allen Häusern von Aleppo gibt es Balkone mit farbigen Blumen. Das vor dem Krieg von 2011. [...]

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