Christian Zehnder - Ein vokales Kleinorchester

kulturtipp 02/2013 vom | aktualisiert am

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«Wetterleuchten» und «Oloid»: Stimmkünstler Christian Zehnder startet mit zwei ganz unterschiedlichen Projekten ins neue Jahr.

Seine Stimmbänder sind so dehnbar wie ein Bungee-Jump-Seil. Nimmt er Kehlkopf, Lippen und Nase dazu, wird Christian Zehnder zum vokalen Klein­orchester. Im Duo Stimmhorn mit Bläser Balthasar Streiff hatte er ab 1996 die neue, avantgar­distische Alpenmusik mitlanciert und internationale Erfolge ge­feiert. Derart intensiv, dass seine Stimmbänder nach gut zehn Jahren Erholung brauchten. Diese Pause nutzte der in Basel lebende Zürcher zum Knüpfen neuer künstlerischer Kontakte. «Ich wollte mich als Sänger weiterentwickeln», sagt er. Bis heute spüre er die ungebrochene Neugier, «aus meinem musikalischen Erbe hinaus meine musikalische Utopie von Heimat zu entwerfen».
Christian Zehnder (51) ist ein klassisch studierter Sänger und bildete sich intensiv in Obertongesang und in verschiedenen Stimmtechniken weiter. Sein musikalisches Erbe sieht er im alpinen Jodel. Da er aber Anleihen aus Afrika und Asien einbeziehe, nennt er seine Stimmkunst «Global Jodel».

Torkelnde Rhythmen

Dieser kann ins Experimentelle ausgreifen wie im neuen Duo mit dem Perkussionisten Gregor Hilbe. Der 44-jährige Basler ist international in Projekten zwischen Jazz und Elektronik aktiv. Im ersten gemeinsamen Programm loten die beiden ihren jeweiligen Klangkosmos aus und finden sich in Zwischenwelten. Diese bringen sie mit dem Oloid in Verbindung, einem 1929 vom Bas­ler Ingenieur Paul Schatz er­fundenen Doppelkreis-Körper. «Durch sein torkelndes Rollen entwickelt das Oloid rhythmische Strukturen, die uns inspiriert haben», erklärt Zehnder. Nebst ihren herkömmlichen ­Instrumenten verwendet das Duo eigens entwickelte «Organ Mouthpipes», riesige Mundpfeifen. Mit «Oloid» feiern Zehnder und Hilbe Ende Januar Premiere und CD-Taufe.
Ganz anders klingt die kürzlich erschienene CD «Wetterleuchten». Zehnder ist darauf in Kompositionen des Bündners Fortunat Frölich (58) zu hören: In sechs Werken zu den «Höhen und Tiefen alpiner Befindlichkeit», wie der Komponist im Booklet ohne Pathos anmerkt. Tatsächlich evoziert seine multistilistische Kammermusik Ur-Bilder von Gebirgswelten, denen Zehnder effektvolle Akzente verpasst, die an seine Stimmhorn-Zeit erinnern.
Christian Zehnder betont: «Der musikalische Dialog ist mir das Wichtigste.» Deshalb sucht er nach immer neuen musikalischen Partnerschaften. Etwa mit Barbara Schirmer: 2009 lancierte Christian Zehnder mit der Aargauer Hackbrettspielerin das archaische Programm «Gländ». «Neue alte Musik in ­einer Art Stubete», umschreibt es Zehnder. Es gehört zum Konzept, dass «Gländ» nur live zu hören ist; das nächste Mal Mitte Januar in Wil SG.

[CD]
Christian Zehnder / Gregor Hilbe
Oloid
(Traumton 2013).
[/CD]

[CD]
Fortunat Frölich / Christian Zehnder
Wetterleuchten
(Musiques Suisses 2012)
[/CD]

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