Carte Blanche - Monica Cantieni

kulturtipp 11/2012 vom | aktualisiert am

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Riesige Bildschirme, flach wie Bilderrahmen. Das wäre was. Anel und Chevart schauen sich Prospekte an. Wer kann   sich das schon leisten? Die WM gestochen scharf. Wer wollte das nicht? Die beiden seufzen.

Der Schwiegersohn aus Amerika hat Chevart eingeladen, gemeinsam mit ihm die WM zu schauen. Auf so einem riesigen Flachbildschirm. Er hatte Bilder beigelegt vom Fernseher: der Schwiegersohn beim Auspacken, der Schwiegersohn beim Installieren, der Schwiegersohn mit der Fernbedienung in der Hand. Chevart fächert sich mit dem Brief in der Hand Luft zu.

  • Weil er einen neuen Fernseher hat, lädt er dich ein?


Chevart nickt und sieht dem Mann nach, der in Gummistiefeln in den Springbrunnen steigt, um den Boden zu bürsten. Die Scheinwerfer, die durchs Wasser die Decke des Einkaufszentrums in allen Farben beleuchten, gehen aus. Chlorschwaden wehen zu ihnen her, er niest, putzt sich die Nase. Anel sieht sich die Fotos genau an.

  • Geh doch, sagt Anel.
  • Nach Wisconsin?
  • Ja, geh doch, das tut dir gut.
  • Ich kann nicht weg.
  • Weshalb nicht?
  • Das weisst du doch. Ich kann Ezrema nicht allein lassen.


Auf dem Platz treten Männer gegen Bahnen von Kunstrasen, um ihn auszurollen. Einer ruft einer Frau etwas hinterher, die vorbeigeht, und Chevart runzelt die Stirn, beide schütteln die Köpfe.

  • Wie geht es denn der Familie?


Chevart zuckt mit den Schultern und mustert den Kunstrasen, auf dem die Männer nun sitzen und ihre Brote auswickeln.

  • Wen meinst du?
  • Deine Frau.
  • Ezrema?
  • Hast du noch andere? - Du könntest sie mitnehmen.
  • Wohin?
  • Nach Wisconsin. Schliesslich lebt ihre Tochter da.
  • Sie reist nicht gern. Mit jeder Reise, sagt sie, ist sie weiter weg von zu Hause.


Anel sieht auf seine Hände.

  • Es ist nicht normal, dass ein Leben derart von Toten bevölkert ist, Chevart.
  • Es war Krieg damals.
  • Ja, und wir waren nicht dort. -


Er macht eine Pause, sieht wieder auf seine Hände.

  • Glaubst du, war das richtig?


Chevart kramt in den Taschen nach seinen Zigaretten. Sie schweigen. Der Mann in Gummistiefeln klettert aus dem Springbrunnen, klopft die Bürste ab und öffnet einen Kasten, der in den Boden eingelassen ist. Gurgelnd füllt Wasser das Becken, das Licht geht an, es flutet die Decke. Anel lässt sich eine Zigarette geben.

  • Elvir war wirklich ein feiner Junge.
  • Ein ganz feiner.
  • Hatte ab und zu Stress. Stress, hatte der Arzt gesagt, löst es aus.
  • Elvir hat wieder Stress, sagten wir, wenn er einen Anfall hatte. Wie hiess das noch mal?
  • Epilepsie.
  • Ja, richtig. So oder so: Schlimm.
  • Ganz schlimm.
  • Den andern Kindern machte er Angst mit seinem Gezappel.
  • Und er blieb bei seiner Mutter, die ihn beruhigte, wenn er einen Anfall hatte.
  • Elvir, ganz ruhig, schu-schusch, Elvir, schu-schusch, sagte sie. Ezrema konnte das.
  • Ezrema machte das gut.
  • Sehr gut.

Sie zünden sich Zigaretten an, und Anel hustet.

  • Du solltest das aufgeben.


Anel winkt ab.

  • Und als dann der Schuss fiel ...
  • Nur ein einziger.
  • Der erste überhaupt in der Gegend.
  • Schlimm.
  • Richtig schlimm.


Anel schnalzt mit der Zunge.

Als der Schuss gefallen war, der erste überhaupt in der Gegend, verliess keiner das Haus. Aus Angst. Sie hatten den Lastwagen vor der Einfahrt gehört, sie sahen Elvir vom Haus aus. Er war heil, kam auf sie zu, guckte bloss verschreckt.

  • Was trägt er da?
  • Holz.


Sie sahen, wie er stolperte.

  • Er kriegt Stress, sagten sie.
  • Das gibts doch nicht, Elvir kriegt jetzt Stress. Ausgerechnet. Wieso muss er jetzt Stress kriegen?
  • Er ist krank, sagte Ezrema.
  • Sie schiessen, verdammt noch mal, hörst du doch. Es geht los, jetzt schiessen sie, und Elvir hat Stress.


Elvir fiel hin, und die Holzscheite kullerten auf die Strasse.

  • Das darf doch nicht wahr sein, flüsterten sie.
  • So nah am Haus.


Sie riefen ihn nicht. Aus Angst.

  • Elvir, schu-schusch, flüsterte Ezrema, schu-schusch.


Sie hielten ihr den Mund zu. Sie begann zu weinen. Sie mussten sie zurückhalten. Sie winkten ihm und liessen auch das bleiben, als sie Schritte hörten, ein Rufen. Dann duckten sie sich. Hielten den Atem an und hoben die Köpfe, als es wieder ruhig war.

Elvirs Arme schnurrten auf und ab wie Flügel eines Aufziehvogels. Sein ganzer Körper zuckte, und sein halber Kopf verschwand im milchkaffeebraunen Wasser eines Schlaglochs, als steige er kopfüber in die Erde, während der Lastwagen sich entfernte und es still und stiller wurde.

Die Kinder suchten nicht nach der Patronenhülse.
Sie packten.


Monica Cantieni

Monica Cantieni ist 1965 in Thalwil geboren und im Kanton Aargau aufgewachsen. Sie hat zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. 1996 erschien die Erzählung «Hieronymus’ Kinder». Für ihre Texte hat sie mehrere Auszeichnungen und Förderpreise erhalten. Ihr erster Roman «Grünschnabel» war für den Schweizer Buchpreis 2011 nominiert. Nebst dem Schreiben arbeitete sie als Produzentin der «Sternstunden» beim Schweizer Fernsehen. Zurzeit leitet sie bei SRF den Bereich Multimedia der Abteilung Kultur. Cantieni lebt in Wettingen und Wien.

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