Lukas Bärfuss: Ein Mann folgt einer Frau

kulturtipp 04/2017 vom | aktualisiert am

Lukas Bärfuss Exklusiver Vorabdruck aus seinem neuen Roman «Hagard»

Es ist nicht bekannt, ob Philip schon früher aufs Geratewohl einem Mädchen auf seinen Streifzügen durch die Stadt gefolgt war, ob er bewusst und vorsätzlich diesem verbotenen Spiel nachging. Denn verboten war es, vielleicht nicht nach dem Gesetz, aber nach der guten Sitte. Selbst wenn die Frau nichts von ihrem Verfolger bemerkte, blieb es anrüchig, eine Belästigung, und wenn Philip seine Tat rechtfertigen wollte, musste er sich bald, bei der ersten Gelegenheit, zu erkennen geben. Im Schatten einer Frau zu bleiben, sie im Verborgenen zu studieren, ihren Körper, ihre Bewegungen zu betrachten, während sie ihre Besorgungen erledigte, sich an ihrer Arglosigkeit zu ergötzen, war vielleicht reizvoll, aber es war verdorben und gehörte sich nicht.

Zu seiner Verteidigung mag man anführen, dass Philip, soviel bekannt ist, keine bösen Absichten hegte und sich bloss die Zeit vertreiben wollte, die nutzlose Stunde, die er totschlagen musste, weil dieser Hahnloser ihn versetzt hatte und es zu früh war, um bei Belinda aufzutauchen. Und abgesehen davon braucht jede Begegnung eine erste Miss­achtung der Linie, die der Anstand um jeden Menschen zieht. Wer nur küsst, nachdem er dazu aufgefordert wurde, und wer nur geküsst wird, nachdem er sein Einverständnis gegeben hat, der wird niemals küssen und niemals geküsst werden. Wer etwas von der Welt erfahren will, einen Zugang zu den verborgenen Geheimnissen gewinnen, der muss durch die Tür gehen, unaufgefordert, er kann nicht warten, bis er die Erlaubnis erhält. Keine Geschichte, schon gar keine Liebesgeschichte, kommt ohne Übertretung aus. Keine Eroberung ist erfolgreich ohne die Anmassung. [...]

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