Simone Lappert: Blaumachtage

kulturtipp 21/2015 vom | aktualisiert am

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Simone Lappert: Ein gekürzter Auszug aus einer Erzählung, die ihrem neuen Roman zugrunde liegt

Simone Lappert (Bild: ESTHER MICHEL)

Simone Lappert (Bild: ESTHER MICHEL)

Tilda legte den Kopf in den Nacken und Handschatten über die Augen, noch immer stand Matthias barfuss auf den heissen Ziegeln am Ende des Ostgiebels und wippte in den Knien, er raufte sich die Haare, vor und zurück, Tilda wusste genau, wie sein Haar roch, immer gerochen hatte, mein schöner, stolzer Bruder, dachte sie.

Nun spring doch endlich, du Memme, rief einer dicht hinter Tildas Rücken, einer von denen, die ihre Bäuche gegen die polizeiliche Absperrung drückten und darauf warteten, dass das Herumstehen in der Sonne sich endlich lohnte. Zwischen den Trasseen der umgeleiteten Strassenbahn, vor den Füssen der behelmten Feuerwehrmänner, zerschellte ein Dachziegel, zwei, drei, Tildas Ohren kannten das Geräusch schon auswendig, trotzdem zuckte sie zusammen. Sie sah zu, wie die Männer ihre blechernen Schutzschilde über die Helme hoben, wie Matthias’ Hemd durch die Mittagshitze segelte und fast geräuschlos auf einem der erhobenen Schilde landete. Diese Männer müssen entsetzlich schwitzen, dachte Tilda und: Matthias holt sich einen Sonnenbrand.

Ihr Anfänger, schrie Matthias, ihr erbärmlichen Anfänger, verpisst euch, packt euer beschissenes Luftkissen ein und geht nach Hause, ich komme erst runter, wenn ihr weg seid.
 
Er löste Dachziegel um Dachziegel aus ihrer Halterung und stapelte sie auf dem Schornstein, sorgfältig rückte er mit den Handflächen seinen Stapel zurecht. Tilda wusste, dass er ein ernstes Gesicht dabei machte, auch wenn sie jetzt nur seinen Hinterkopf sah. Sie hatte das immer gemocht, diesen Ernst, in jeder seiner Bewegungen, diesen Ernst, den niemand ihm hatte austreiben können, die Ärzte nicht und nicht die Tabletten, die er vor einigen Wochen abgesetzt hatte. 

Warum, hatte er im Winter am Kamin gefragt, warum Tilda, sind sie mir alle auf den Fersen, beschissen ist das, wenn man jemanden festhält an den Füssen. [...]

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