Barbara Stengl: Einfache Lügen

kulturtipp 07/2019 vom

von

Barbara Stengl über das Schreiben als Risiko.

Man beginnt keinen Satz mit «Ich». Diese philosophische Aussage begleitete meine Schulzeit und grub einen Graben zwischen den einen und den anderen. Die Glücklichen, die auf der positiv bewerteten Seite des Ufers standen, das waren diejenigen, die schreiben konnten, die von sich aus wussten, dass ein guter Text, ein guter Satz niemals mit einem «Ich» beginnen könne. Die weniger Glücklichen, das waren diejenigen, die nicht schreiben konnten, bei denen die Lehrerin seufzte, zuerst tief einatmete und dann den Atem durch den leicht geöffneten Mund wieder ausstiess. In diesem Seufzen lag dann das ganze bisherig gelebte Lehrerinnenleben, das bei allem guten Willen ihrerseits, aller Geduld, Strenge und manchmal vielleicht sogar Güte, nicht zum erwünschten Ziel geführt hatte. 

Ich weiss nicht mehr, ob es meine Satzanfang-Ichs waren, die meine Lehrerinnen – es waren doch einige zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten – zum Seufzen brachten. So wagte ich am Ende meiner Schulzeit nicht daran zu denken, dass ich je zu den Schreibenden gehören könnte. Hingegen war da meine halbiranische Freundin Nesrin, die mir schon im Alter von zwölf Jahren erklärte, sie werde mal Schriftstellerin. Ich blickte sie nur bewundernd an und versprach, ihr zu ihrem ersten veröffentlichten Roman einen Mont-Blanc-Füllfederhalter – mein damaliger Inbegriff einer Respektbezeugung – zu schenken. 

Oder da war meine Studien- und WG-Freundin Olga, Germanistikstudentin, mit der ich zwei Anschauungen nicht teilte: wie sauber ein Küchentisch nach einer Rotweinnacht sein könne und ihre Vision eines Lebens als Schriftstellerin irgendwo in Rom. [...]

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