Arno Camenisch - «Ein Chaos infernal haben die im Unterland»

kulturtipp 01/2012 vom | aktualisiert am

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Schaut, das habe ich auch noch ­gefunden im Schrank, sagt die Tante und legt ein Foto der Prozession auf den Tisch. Alle schön in Form, sagt der Otto, nur die Pfarrsleute, einer dicker als der andere, so zeigt sich, wer zu fressen hatte und wer nicht, der alte Josefi war noch nicht Pfarrer hier, sagt die Tante und klopft ihre Mary Long am Aschenbecher ab. Der alte Josefi mit seinen knochigen Händen, sagt der Otto, eine ­rabenschwarze Kutte trug er, der kam erst später, der hätte diesen Herrschaften hier auf dem Foto schon den Speck vertrieben, ­anstatt der Prozessionen jährlich einmal um die Kirche führten die uns plötzlich durchs ganze Tal. Einmal in der Woche trieb er uns die Hänge hinauf bis nach Brigels, mit Kreuz und Weihrauch und Eimern voller Weihwasser, in einem Tempo, ich sage dir, sagt der Otto, die Hölle ausgetrieben hat er uns, wie alte Kühe jagte er uns die Strasse hinauf, während unten im Dorf der dicke Pancraz mit seinen verkrüppelten Fingern, der ­Barbar, grausam tat im Kirchturm an der Glocke, schneller in Brigels waren wir, als wenn wir das Postauto genommen hätten, sagt der Alexi, schneller und sicherer. Und wenn du ankamst oben in Brigels, waren deine Gedanken rein wie Quellwasser.

Der Luis steht auf der Türschwelle der Helvezia, buah, habe ich viel geschifft, und wie das regnet, das wird mir noch lustig, wenn das so weitergeht, dann können wir bald zum Gebet final ansetzen. Er fährt mit dem Ärmel über die nasse Stirn. Das waren noch Kreuzwege, sagt der Otto, ich küsse heute noch das grosse Eisenkreuz in Brigels, wenn ich dort vorbeikomme. Von dort aus siehst du übers ganze Tal, hätten wir einen König gehabt, einen wie der Louis, er wäre dort gesessen. Wenn er denn gesessen wäre, sagt der Alexi. Von Kreuzen und Kreuzwegen haben die im Unterland denn keine Ahnung, sagt der Luis und setzt sich, ich musste mal mit dem Auto ins Unterland als junger Mann, nachher aber nie mehr zum Glück, eine Ladung Rechen vom Giusep, aufs Dach hatte ich sie gebunden, musste ich abliefern dort unten, also schon ein Durch­einander an Strassen haben die da, weisst ja nicht wohin fahren in dem Wirrwarr, Ampeln und Strassen und Häuser und Tafeln, aber keine Berge, an denen du dich orientieren könntest, da haben wir es schon gäbiger hier, hier fährst du entweder das Tal hinauf oder das Tal hinab. Dann bring mir noch einen Quintin, sagt er zur Tante. Ein Chaos infernal haben die im Unterland, vor ­allem in den Städten, und man versteht sich halt nicht, und die gönnen sich nichts, die lachen einander aus nach jedem Satz, ich weiss doch auch nicht, auf jeden Fall, und so habe ich halt nach dem Weg fragen müssen, als ich in Züri war, schon nicht gerne, aber was hätte ich denn machen sollen, wo ich doch schon im Kreis fuhr seit Stunden, und viel zu spät dran war ich auch, und habe das Fenster runtergelassen und eine hübsche Frau gefragt, die am Strassenrand stand, ui, schön grosse Brüste hatte die, die standen ihr ab wie Balkone, und sie hat gesagt, einfach weiter fahren, bis zur nächsten Kreuzung, und dann rechts. Aha, habe ich gesagt, um sicher zu sein, einfach geradeaus bis zur nächsten Kreuzigung und dann rechts, und dann hat die Sirene losgeheult. Die Tante stellt ihm den Quintin hin. Er trinkt ihn aus. Dann bring mir noch einen.

Etwas katholischer sind wir Bergvolk vielleicht schon hier oben vermutlich, sagt die Silvia und schmunzelt, wir wohnen ja auch dort, wo der Himmel weiter unten ist. Sie trinkt ihren Caffefertic aus, dann bring mir doch noch einen bitte, sagt sie. Da hast du vielleicht recht, sagt die Tante und hält ihre Hand vor den Mund und steht auf, ihre ­Augen leuchten. Was habt ihr zu schmunzeln, fragt der Luis. Ach, sagt die Tante und grinst, nichts weiter, nur an den alten Josefi haben wir gerade gedacht. Der alte Josefi ­hatte eine strenge Hand, und ein Kolleriker obendrauf, sagt der Luis und streicht sich mit dem Handrücken über den Mund. Er schaut seinen Quintin an. Ja, sagt der Otto und hält die Hände vor den Bart. Er streicht sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Gell, sagt der Alexi, es schüttelt ihn. Aber korrekt war er, der alte Josefi, und an Neujahr gab es bei ihm Zigarren aus Marialagorda de Cuba, die ­hätte man essen können, so zart waren die, und wir tranken die ganze Nacht durch auf den Herrgott bis zur Morgenmess, aber nur Whisky, und nur schottischen trank der Siech, stets demütig, versteht sich, dafür aber im gleichen Schritt wie bei der Prozession, eine Kadenz hatte der, du meine Güte. Wenn man betet, betet man, und wenn man trinkt, dann trinkt man, das war sein Gebot. Und ihn ja nicht zornig machen, ein Furioso konnte der sein, wenn er in Rage kam, der hätte Steine zertrümmern können mit dem Kopf.


Arno Camenisch
Der Bündner Autor Arno Camenisch (geb. 1978) schreibt auf Deutsch und Romanisch. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Berner Literaturpreis 2011. Sein dritter Roman «Ustrinkata» erscheint am 1. Februar im Engeler-Verlag. Darin sitzen seine Protagonisten am Stammtisch im Bündner Restaurant Helvezia – und der ­Alkohol und die Erzählungen der Gäste fliessen in Strömen. www.arnocamenisch.ch

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