Anuschka Roshani: Die Lüge

kulturtipp 04/2019 vom

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Anuschka Roshani Die Autorin über das Schwindeln – oder eine Variante der Wahrheit.

Anuschka Roshani (Bild: WWW.NOEFLUM.CH)

Anuschka Roshani (Bild: WWW.NOEFLUM.CH)

In dieser Nacht legte sich die Lüge zwischen sie wie früher das Kind, als es vier oder fünf war und plötzlich nicht weiterträumen mochte, weil es zu fürchten schien, dass es über der Eintönigkeit eines Traums die besten Augenblicke seines Lebens verpasste. Und wie damals brachte sie es nicht übers Herz, die Ruhestörung zurückzuweisen, sondern liess sie, wenn auch widerwillig, zu ihnen unters Plumeau schlüpfen.

Doch spannte sich ihre Bauchdecke hart bei dem Gedanken an die Lüge, die nun zu allem Übel anhob, ihren Schlaf zu zermörsern, bis dieser schliesslich zu kleinsten Fetzen zerrissen ins Dunkel stob.

Wie in jenen früheren Nächten bemühte sie sich, jedem Hieb zuvorzukommen: etwa jenem, der wie vom Kind gänzlich unschuldig ausgeteilt worden war, mit einem spitzen Ellenbogen oder einem schweren Fuss, aber trotzdem schmerzte. Und so, wie sie dem Kind damals seine unwillkürlichen Zuckungen nicht hatte vorhalten können, versuchte sie jetzt, sich gegenüber der Lüge zu behaup­ten – sie hielt für einen Moment, sogleich ­einen Anflug von Erleichterung verspürend, inne –, denn war es überhaupt eine Lüge, sofern niemand von ihr wusste? War nicht jegliche Lüge so wie der kleinste Schwindel ­ohnehin kaum mehr als ein Schattenriss, solange alle Welt zwar zu wissen vorgab, was eine Lüge war, aber keiner präziser zu sagen vermochte, was die Wahrheit?

Und wenn selbst der amerikanische Präsident unablässig log, dass sich die Balken bogen, und den schamlos Belogenen überall auf dem Globus dazu nicht mehr als Entgegnung einfiel als ein neues, aus Dummheit geschöpftes Wort – postfaktisch –, vielleicht weil sie (vergebens) darauf hofften, ihrem Erstaunen über dessen Dreistigkeit wie auch ihrem stoischen Hinnehmen seiner Verlogenheit damit beizukommen – also, was war dagegen ihre eigene, fürs grosse Ganze sicher nichtige Lüge?

Ihre Grossmutter hatte ihr, als sie ein kleines Mädchen war, einmal gesagt, dass Notlügen keine Lügen seien, bloss eine Variante der Wahrheit, mit der man seinem Gegenüber Gutes tue, indem man ihm eine bittere Wahrheit er­spare.

Ja, von ihr aus.

Wusste sie doch darum, dass man nie fragen durfte, ob einer belogen werden wollte – dass das eins dieser Dinge war, die sich niemand eingestehen wollte. [...]

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