Andreas Neeser über eine Vater-Tochter-Beziehung

kulturtipp 17/2012 vom | aktualisiert am

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Wir würden dann gern zahlen, bitte», sagte sie und winkte den Kellner herbei. Seinen irritierten Blick nahm sie zur Kenntnis als etwas, was sie nicht betraf. Sie trank den letzten Schluck Cappuccino und schloss die Finger ihrer rechten Hand fester um das metallene Kästchen, das auf dem Tisch lag. Die Gartenterrasse war spärlich besetzt, Fernsicht in die Alpen gab es heute nur auf dem Prospekt der Gaststätte. Ein paar hundert Höhenmeter unter ihr lag die Stadt, der mächtige Bettenturm des Krankenhauses blitzte im Vormittagslicht. Vor vier Stunden hatte sich die Tür des Haupteingangs hinter ihr geschlossen. Leicht und leer war sie durch die Tür gegangen, hatte hinter sich gelassen, was nicht hinter sich zu lassen war. Genau so hatte sie sich das Unvorstellbare vorgestellt. Das Ende, wie sie es sich dachte, war gar keines, oder doch eines, das hinauszuschieben war. Daran vermochte auch der Arztbescheid, auf den sie nun wartete, nichts zu ändern, wie immer er ausfiel. – «Stimmt so», sagte sie. Der Kellner vermied einen zweiten Blick, steckte das Portemonnaie ein und ging zurück in die Gaststube.

Ihre Finger spielten mit den runden, leicht erhöhten Tasten des Kästchens. Rot für Aufnahme, Grün für Wiedergabe. Die Stopptaste war schwarz. Seit drei Wochen tat sie keinen Schritt ohne das Gerät. Sie steckte es in die Handtasche, wenn sie aus dem Haus ging, sie legte es beim Essen neben den Teller, und nachts lag es auf dem Nachttisch, neben einem zweiten Kästchen desselben Typs. Jederzeit war es in Griffweite, wann immer sie wollte, konnte sie auf Wiedergabe drücken, das gespeicherte Leben abrufen, zum Eigenen machen, was ohnehin zu ihr gehörte. Sie hatte die Taste noch nie gedrückt. Ihr genügte die Freiheit der Wahl; sie fühlte sich geborgen im Wissen, dass es eine Zeit gab für dieses Leben und für das andere, und dass sie allein darüber bestimmte – was auch immer der Arzt ihr gleich am Telefon sagen würde.

Eine Routinekontrolle war es gewesen, ein Dutzendbefund, keine zwei Monate war es her. Der Vater hatte ihr das Verdikt bei einem ihrer sporadischen Besuche zu Hause nicht emotionslos, aber gefasst mitgeteilt. Wenig später war die Prostata entfernt, Ableger waren keine entdeckt worden. Er erholte sich trotz seines Alters erstaunlich schnell, gewöhnte sich an die dicken Einlagen in den Unterhosen, trainierte verbissen die Stellvertretermuskulatur, um das Leck da unten, wie er sagte, wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie bewunderte ihn für die Kraft, mit der er für seine Würde und um eine Zukunft kämpfte, und sie versuchte klarzukommen mit dem, was seine Krankheit in ihr ausgelöst hatte. Nicht der Krebs war es, der sie erschütterte, nicht die Konfrontation mit der Begrenztheit des Daseins; was sie aus dem Hinterhalt ihres eigenen Lebens getroffen hatte, war das plötzliche Bewusstsein, im Grunde nichts über diesen Menschen zu wissen, den Mann in Windeln, der ihr Vater war. Aufgewachsen in einer kinderreichen Familie, Schreinerlehre, schwerer Verkehrsunfall mit achtzehn, Hilfssoldat, Heirat und Geburt des einzigen Kindes. Umschulung zum Dachdecker, Arbeit in zwei verschiedenen Betrieben bis zur Pensionierung. Prostata. Keine Ableger. – Das war ihr Vater. Aber das war er nicht. Mehr als alles andere verstörte sie die Tatsache, dass sie ihn liebte, immer geliebt hatte, und sich jetzt, da sie selbst schon weit über fünfzig war, eingestehen musste, sich nie für alles das interessiert zu haben, was er auch gewesen war. All die Jahre hatte sie sich ihren Vater nie anders vorstellen können als so, wie sie ihn jeweils vor sich sah. Nie war er ihr etwas anderes gewesen als Gegenwart, nie hatte sie von ihm etwas anderes gewollt als Anwesenheit. Das hätte sie ihm gerne gesagt, weil es vielleicht nicht zu spät war zu reden. Doch sie sagte nichts. Auch die wirr und splitterhaft einschiessenden Gedanken an das nicht zu Denkende behielt sie für sich; sie verschwieg ihre Angst, ein Leben zu verlieren, das keinen Anfang hatte, eines, das ihr im Eigentlichen fremd war und immer fremd sein würde. So gern sie sich angelogen hätte: Nachzuholen war das Versäumte nicht, nicht jetzt und nicht mehr. Aber konservieren wollte sie dieses Leben. Das Kind, der Heranwachsende, der junge Vater. War es für ihre Teilhabe zu spät, so musste dieser Anfang doch nachzuleben sein, nachzusprechen in ein Innerstes hinein. Eine andere Möglichkeit, die Leerstelle zu füllen, sah sie nicht; eine Möglichkeit aber war es immerhin. – «Fünf Stunden zehn», sagte der Vater, als er ihr das Kästchen in die Hand drückte. «Wie wenig bleibt», sagte er, «und wie viel.» Er hatte ein Lächeln versucht, über sie hinweggeschaut in seine eigene Ferne.

Sie schob den Keks, den sie erst zur Seite gelegt hatte, in den Mund, liess ihn auf der Zunge zergehen. Dunst hing über der Stadt, der Bettenturm war ein Schemen, schmutziges Grau. «Dritte Etage Süd», hatte der Arzt gesagt, «er packt das.» Sie konnte die Abteilung sehen, auf der die schweren Fälle nach der Operation zu liegen kamen, oder auch nicht. Ihre Finger strichen über die Tasten des Metallkästchens, während sie den Kellner beim Abräumen des Nachbartisches beobachtete. «Danke», sagte sie, als er fragend den Kopf hob.
«Alles bestens.»


Andreas Neeser

1964 in Schlossrued AG geboren, lebt der Schriftsteller Andreas Neeser heute in Suhr bei Aarau. Nach seinem Studium der Germanistik, Anglistik und Literaturkritik in Zürich ­arbeitete er 13 Jahre lang als Gymnasiallehrer. Immer wieder legte er längere Schreibaufenthalte ein – etwa in ­London, Paris, Berlin oder ­Lissabon. Ab 2003 baute er in Lenzburg das Aargauer Literaturhaus auf, das er bis 2011 leitete. Seit 2012 lebt er als freier Schriftsteller. Neeser schreibt Erzählungen, Romane, Stücke und Lyrik. Im Februar ist im Haymon Verlag sein neuer Roman «Fliegen, bis es schneit» erschienen.
www.andreasneeser.ch

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