Alberto Giacometti - Der Rastlose in den Pariser Gassen

kulturtipp 25/2012 vom | aktualisiert am

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Alberto Giacometti gilt als wichtigster Schweizer Künstler des letzten Jahrhunderts. Eine umstrittene Biografie zeigt, dass der Mann ein Getriebener war – am Rande des Wahnsinns.

«Mit zusammengebissenen Zähnen fixierte er mich mit einem fürchterlichen Blick und versuchte, die Leinwand mit dem ausgestreckten Arm zu berühren. Im Moment, in dem der Pinsel die Leinwand fast berührte, zog er den Arm wie unter Einwirkung eines elektrischen Schlages zurück.» Der Künstler stöhnte und schrie unentwegt dazu.


Der Selbstzweifler

Der Japaner Isaku Yanaihara schilderte diese Episode aus dem Pariser Atelier von Alberto Giacometti. Yanaihara sass Giacometto jahrelang immer wieder Modell für Porträts und Skulpturen. Der Künstler war damals, in den späten 50ern, schon eine anerkannte Grösse der internationalen Kunstszene. Aber noch immer trieben ihn Selbstzweifel – und er trieb seinerseits alle andern zur Verzweiflung.

Die französische Autorin Claude Delay zeichnet dieses Bild von Alberto Giacometti in ihrer Biografie «Alberto und Diego Giacometti. Die verborgene Geschichte», die soeben auf Deutsch erschienen ist. Der Titel ist verwirrend: Denn im Mittelpunkt steht das Genie Alberto; sein jüngerer Bruder Diego spielt nur eine Nebenrolle als der verwandtschaftliche Pfleger eines Nahezu-Wahnsinnigen. Die Psychoanalytikerin Delay seziert das unglaubliche Privat- und Seelenleben von Albert Giacometti genüsslich in allen Facetten: So spült der Getriebene morgens um sechs Uhr im Bis­trot mit Rotwein Ei und Schinken hinunter, danach macht er sich an die Arbeit im Atelier. Mit Kollegen geht er abends spät essen. Und nach Mitternacht zieht er allein durch Paris, besucht dubiose Etablissements. Denn Giacometti neigte der käuflichen Liebe zu – trotz seiner Ehe mit Annette Arm, einer 22 Jahre jüngeren Lehrerstochter.

Das Buch ist allerdings bei der Fondation Alberto und Annette Giacometti sehr schlecht angekommen. Die Fondation wirft der Autorin vor, «Unbelegtes und Falsches zu verbreiten». So habe Delay viele Passagen frei erfunden, etwa als sich Alberto Giacometti mit André Breton überwarf und vom Surrealismus distanzierte. Besonders ärgerlich empfindet die Fondation die Darstellung von Giacomettis Frau Annette, die als «medioker» erscheine, tatsächlich aber eine starke Persönlichkeit gewesen sei. Die Empfindlichkeit der Fondation könnte einen Grund haben: Giacomettis Nachlass war Gegenstand jahrelanger Erbstreitigkeiten.

So verliebte er sich mit 58 Jahren in die 21-jährige Caroline. Ihr zwielichtiges Milieu brachte es mit sich, dass sie oft tagelang verschwand und damit Alberto zur Verzweiflung brachte: Tauchte sie schliesslich wieder auf, sass sie ihm oft nächtelang Modell. Er erfüllte ihr, in den frühen 1960er bereits ein reicher Mann, anspruchsvolle Wünsche. Als sie nach einem Ferrari verlangte, gab es den zwar nicht, aber immerhin ein MG Cabrio.


Der Missverstandene

Mag die Autorin auch übertrieben haben: Alberto Giacometti war der Typ «Borderliner», wie man heute sagen würde. So war er in der Pariser Bohème der Nachkriegszeit sehr angesehen, verkrachte sich aber schnell mit Leuten wie Picasso oder Jean-Paul Sartre. Immer fühlte er sich selbst oder seine Kunst missverstanden.


[Buch]
Claude Delay
«Alberto und Diego Giacometti.
Die verborgene Geschichte»
285 Seiten
(Römerhof Verlag 2012).
[/Buch]

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