«A Sent be rumantsch» – eine Woche romanisch leben

kulturtipp 01/2013 vom | aktualisiert am

von

Angelika Overath über Momente eines Selbstversuchs

Und dann habe ich nach ihrer Hand gegriffen.

Christiane war keine Freundin, eher eine Bekannte, eine Kollegin meines Mannes. Eine Berggängerin, Tourenskifahrerin, eine Frau, die Freunde im Nachbardorf Vnà hatte und die, wie ich, Romanisch lernen wollte. Wir sassen also nebeneinander im grossen Saal des Gemeindehauses von Sent. Und ich nahm ihre Hand. Eine der Organisatorinnen der immersiven Romanischwoche hatte mit dem Countdown begonnen: «Zehn, neun, acht …»

Der Saal war voll. Die romanischen Familien und ihre Sprachschüler hatten sich gerade bei einem Apéro kennengelernt. Dann waren alle 37 Teilnehmer (die jüngste 19 Jahre, die älteste 79) einzeln aufgerufen worden und hatten feierlich einen Sprachvertrag unterschrieben: Eine Woche lang wollten sie ausschliesslich Romanisch sprechen. Genauer Vallader, das Idiom des Unterengadins.

Nun setzte eine männliche Stimme in den Countdown ein und übernahm: «Set, ses, tschinch, quatter …»

Christiane kam aus Luzern; sie war Anfängerin. Ich lebte schon einige Jahre in Sent, hatte aber, im Unterschied zu meinem sprachbegabten Mann und unserem Sohn, der in Sent zur Schule ging, immer noch nicht Romanisch gelernt. Ich liebte diese Sprache, und vielleicht wollte ich deshalb in korrekten Sätzen sprechen. Aber eine Sprache lernen, heisst, Fehler zu machen. Doch ich wich bei der kleinsten Unsicherheit  sofort ins Deutsche aus. Das würde nun nicht mehr gehen.

«… trais, duos, ün, nolla». Ein Gong ertönte. «A Sent be rumantsch» hatte begonnen. «Sta bain, buna not», sagte ich tapfer zu Christiane. Sie lachte und sprach es mir nach. Sie sieht aus wie kurz vor dem Gipfelkreuz, dachte ich.

Ich wohnte bei meiner Nachbarin Uorschla, einer Bäuerin, in einem Arvenzimmer unterm Dach. Ich hatte sie gebeten, mich zu wecken, denn vor dem Unterricht wollte ich mitkommen in den Stall. An den ersten Morgen ertappte ich mich, wie ich schlaftrunken «Ja, ich komme» antwortete. Doch schon am dritten Tag war es ein müdes, aber sicheres: «Hai, eu vegn.» Gemeinsames Kaffeetrinken in der kleinen Küche, selbst ge­backenes Brot, Butter. Einfache Wörter. «Hast tü gnü fraid?» Ich schüttle den Kopf. Kalt war mir nicht, aber dennoch schlief ich unruhig. Ich war aus meiner Sprache gefallen und noch in keiner neuen angekommen.

Gummistiefel anziehen, zwei dicke Pullover, Jöri, Uorschlas Sohn, nimmt uns im Pickup mit in den Stall. Die Kühe laufen frei. Jetzt kommen sie an ihre Fressplätze. Fegen, frisches Heu aufschütten. Jöri säubert die Wege mit der Maschine, wir schieben mit langen Schaufeln die Reste von Mist in die Mitte, dass er sie beim zweiten Durchgang aufnehmen kann. Der süsse Geruch von Heu, die Milde von Kuhdung. Die Wörter «vachas», «vadellas», «il tor», «fain». Ich verstehe erste Anweisungen, antworte: «Hai, eu poss far quai.» Ich kann das schon machen. Das Muhen der Kühe, auf das ich neidisch bin.

Allein laufe ich durch die Wiesen zurück in den zu grossen Gummistiefeln; sie gehören einem Enkel von Uorschla. Mit dem Romanischen stecke ich in einem anderen Alltag. Duschen. Unter der Brause kommen die vachas und vadellas zurück als Sprachregen. Ich hefte mir den Erkennungsbutton der Woche an: Ein weisses «R!» in einer roten Sprechblase auf hellblauem Grund. Das halbe Dorf, die Schulkinder, tragen dieses «R!».

Unterricht in vier Gruppen. Alle radebrechen, und auf einmal ist es – anders als im Dorfalltag – normal! Wir haben nur eine Chance, uns zu verständigen: Fehler machen. Das seltsame Gefühl der Erleichterung. Es ist eine Freiheit, die nur ein strenges Spiel schenkt. Was wir lernen, wenden wir sofort an. Mittagessen in den Familien. «Grazcha fich, eu pigl jent amo ün toc.»

Exkursionen durchs Dorf, Spaziergänge hin­auf an die Waldgrenze. Wir sind immer zusammen, hocken im Café, blödeln in einem aberwitzigen Romanisch. Christiane ist viel begabter als ich. Und ehrgeizig; sie arbeitet mit Karteikarten. Jeden Tag können wir ­einander mehr Sätze sagen. Schau die Lärchen. Gold! Schau den Engadinhimmel. Dieses Blau. Und die Schneegipfel. Guarda ils larschs. Or! Guarda il tschêl engiadinais! Che blau! Ed ils pizs da naiv. Ja, das Wetter hat ­seine Glanz-Postkarten-Rolle übernommen und macht mit bei «a Sent be rumantsch».

Abends ein gemeinsames Essen an langen Tischen in der Schulhalle. Wie viel man sich sagen kann mit neuen Wörtern, Wörter wie Bausteine. Denkt man auch anders? Wir lernen romanische Lieder und Gedichte von Luisa Famos.

Beim Abschlussfest  soll der Spracheid wieder aufgehoben werden. «Desch, nouv, ot …» Aber als die deutsche Stimme übernehmen möchte, sind die Sprachschüler schon eingefallen und zählen laut auf Romanisch zu Ende.

Coda 1: Es gab eine Frau in meiner Gruppe, die nur wenig Romanisch konnte, die aber bei dem, was sie sagte, doch eine sprachliche Anmut, ja eine Aura um sich trug. Jetzt sprach sie Schweizerdeutsch, fehlerfrei. Aber auf einmal war sie eine andere. Mir fehlte, was ich über die Woche als ihre neue romanische Identität kennengelernt hatte.

Coda 2: Christiane und ich sind jetzt Freundinnen. Und in Luzern sprechen wir immer auch Vallader miteinander.

Angelika Overath
Die in Sent GR lebende Autorin wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie ­arbeitet als ­Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat unter anderem die Romane «Nahe Tage» und «Flughafenfische» geschrieben. Mehr zum Kurs «A Sent be rumantsch 2013»: www.sent-online.ch

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